Vom Elm und Lappwald
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Von Otto Hügel im Jahre 1952
Grenzland am Elm und am Lappwald! Heute und vor Zeiten!
Schon die gestaltenden Kräfte der Urzeit bereiteten die späteren Kämpfe vor. Es prallten hier die verschiebenden Kräfte des Erdinneren aufeinander: herzynische und rheinische Streichung berühren sich im Raum der Altenau und Oker. Von dieser Stelle schweift der Blick von den letzten Ausläufern des Harzvorlandes weit über die endlosen Flächen der Norddeutschen Tiefebene. Hinter uns liegen die Fruchtgärten des Lößgebietes, vor uns dehnt sich die sandige Ebene der Glazialzeit. Hier rauschen auf dem Kalkboden üppige Buchenwaldungen, dort grünt die knorrige Eiche und wurzelt die sparrige Kiefer. Zwei Stromgebiete trennt das Hügelland.
Wo sich solche Charakterlinien und Furchen tief in das Antlitz der Erde eingruben, berühren sich auch Eigenarten der Völker und Gegensätze der Kulturen. - Aus Ostfalen streifte hier der Cherusker bis zum thüringischen Darlinggau. Der Foser traf an der Aller auf den Langobarden. Sachsen, Franken und Thüringer stießen hier ringend aufeinander. Pippin und Karl der Große sahen dieses Land, und die Sachsen sicherten sich durch den Besitz der Bergfesten. Noch heute scheiden sich hier das nördliche Niedersachsenhaus von der südlichen thüringischen Bauweise. - Im täglichen Kampf wehrten germanische Stämme, gestützt auf die Höhenzüge, dem drohenden Vordringen der Slaven. Mönche gründeten in diesem Grenzgebiet ihre vorgeschobenen Posten christlicher Kultur. Die Wacht übernahmen später die Ritterorden, sich stützend auf die festen Häuser und Burgen am Elm. Normannen bedrohten von den Flußmündungen aus das reiche Land. Der Kranz der Schunterburgen bis hin zur Scheverlingenburg der Brunonen bei Walle sicherte gegen diese Eindringlinge.
Und wiederum richteten Völker der Gegenwart hier willkürlich eine gefährliche Grenze auf, an der die Gegensätze zwischen Ost und West zusammenprallen und gegensätzliche politische, soziale, wirtschaftliche und kulturelle Auffassungen zweier Welten sich im täglichen Kampf des kalten Krieges reiben. Das ist das Land um Elm, Elz, Dorm und Lappwald, von dem heute die Welt spricht. Zugleich aber schuf der Herrgott hier ein paradiesisches Fleckchen Erde, reich an Naturschönheiten, reich an Geschichte und reich an Schätzen des Bodens.
Unzählige wertvolle Funde aller Zeiten der Menschheit beglücken den schürfenden Forscher. Der Geschichtler besucht die festen Schlösser und Burgen, die einst rechts und links die Dietwege nach Magdeburg und Halberstadt sicherten. Jede Siedlung atmet Geschichte. Den Biologen wiederum entzückt die überaus reiche und vielgestaltige Flora. Seidelbast, Märzenbecher, Leberblümchen, Lungenkraut, Lerchensporn und Schlüsselblume verkünden den Frühling. Mit saftigem Grün überziehen Aronstab und Waldmeister weite Flächen. Türkenbund, Waldvögelchen, Nestwurz, Fichtenspargel und Frauenschuh birgt der weite Wald. Reiche Bodenschätze interessieren besonders den Geologen. Der vom Alltag gehetzte Mensch aber sucht und findet in dem Waldesdom der Buchen oder in den Prachtbeständen der Weißtannen in der Ampleber Kule Ruhe, Frieden und Erholung.
Von den waldigen Höhen schweift der Blick über das kostbare Mosaik von Feldern, Wiesen und Dörfern bis nach den Türmen von Braunschweig und Hildesheim. In dunstiger Ferne verbindet sich im Norden das Land der Lüneburger Heide mit dem Himmelsdom, während sich im Süden die dunklen Kulissen von Asse, Huy und Fallstein vor die blauenden Harzberge schieben. Kaum abwechslungsreicher ließe sich dieses Bild schaffen.
Kennst du Lucklum, die Siedlung des Deutschen Ritterordens? Die weite Lindenallee weist den Weg nach Schloß und Kirche. Schau und verweile. In 10 Minuten ist ein Idyll erreicht. Erkerode nennt sich das Gebirgsdorf am Eingange des Reitlingtales. Von den Terrassen der Bruchsteinmauern wuchert der Donnerwurz und flutet blühender Flieder. Unter den Blütenkerzen der Kastanien, die den Weg zum Reitling umrahmen, rauschen und plätschern die Wasser der Wabe.
Tief schneidet dieses Tal in die Waldungen des Westelms ein. Hinter dem engen Eingang dehnt sich, rings von den Bergen wie von einem Schutzwall gesichert, still und abgeschlossen dieser liebliche von der Wabe durchflossene Erdenwinkel. Das unwegsame Dickicht bot, abseits der bevölkerten Ebene, schon früher manch sicheren, stillen Unterschlupf. Kann es wundernehmen, daß der Mensch des Flachlandes in Not und Gefahr mit seinem Vieh hier Zuflucht suchte? Noch stärker wurde der Schutz, als sich die Vertriebenen ein ganzes System von Schutzwällen errichteten. An den Hängen des Kuxberges liegt die Brunkelburg, ihr gegenüber, am Steilabhange hinter der heutigen Wirtschaft, die Krimmelburg. Dazwischen sicherte die Vorpostenstellung des Würzegartens. Quellen - nach Königslutter zu - wurden durch die Wendehaiwälle geschützt. Die Rückendeckung übernahmen einst die Aufschüttungen am Herzberge. Diese heute noch 4-5 m hohen Anlagen erzählen von altsächsischen Zeiten. Von den gepflegten Terrassen der Gaststätte "Zum Reitling" schweift der Blick auf die saftigen Wiesen und Weiden, die Wabe und Teiche umrahmen.
Ein kurzer, abwechslungsreicher Weg führt zwischen Buchen und Fichten zum Tetzelstein. Wiederum laden gastliche Stätten zur Erholung und zum Verweilen ein. Der gotische Baldachin und der Naturstein erzählen vom listigen Hagen, der einstens hier im Dunkel des Waldes dem treuen Ablaßmanne die klingende Geldkiste abnahm.
Wandere zum nahen Forsthaus Groß-Rhode, durchforsche die steilen Steinbrüche oder suche die Einsamkeit Langelebens. Dort singen die uralten Baumkronen das Lied tiefen Friedens. Sie tragen den Hauch früherer Schönheit. Freilich ist das alte, formschöne Jagd- und Lustschloß längst vergessen. Noch aber steht seit 1703 die Grotte und läßt mit den anschließenden tiefbeschatteten Teichen die Lustgärten ahnen, die manch höfisches Fest und selbst Friedrich den Großen erlebten, der hier Einsamkeit und Erholung suchte.
Der alte "Steinklump" mit seinen Gräben erzählt von der festen Burg. Eine schöne Straße führt durch den schattenden Wald nach Königslutter. Wir verweilen am klaren Quell der Lutter, über dem der fromme Abt Fabricius das Quellenhäuschen errichten ließ und wandern auf schönen Wegen an den Teichen entlang unter rauschenden Eichen dem Kaiserdom zu, der in majestätischer Würde das Auge von weither anzieht. Er gilt als einer der gewaltigsten Zeugen romanischer Baukunst und umschließt die letzte Ruhestätte Kaiser Lothars (1137). Neben ihm schlafen Heinrich der Stolze und die Kaiserin Richenza. Die alten tausendjährigen Linden aber erzählen vom Peter-und-Pauls-Feste, zu dem von weither die Gläubigen pilgerten, um Heilung zu suchen. Noch zaubern die Reste der altersgrauen Stadtmauern das mittelalterliche Bild, noch dräut die feste Wasserburg, noch künden die feingeschnittenen Balken der Fachwerkhäuser von echter Handwerkskunst, noch winden sich im Stadtzentrum enge Gassen und schmale Straßen. Neues Leben aber pulst in den modernen Werken, von denen die Stuhl-und Möbelfabriken, die Kalkwerke und Zuckerfabriken besonders aber die Rotowerke der Stadt einen besonderen Ruf verleihen.
Ein alter Volksweg führt am Nord-Elm entlang, begleitet von Elz, Dorm und Lappwald, nach Helmstedt. Schon in ältester Zeit muß dieser Nordhang stark besiedelt gewesen sein; denn überreich sind die Ausgrabungen und Funde. Der jüngeren Steinzeit gehören Noßwitzer Gefäß, Steinbeile und Speere an. Auch die majestätischen Megalithbauten der Lübbensteine erzählen von diesen Tagen. Geräte aus der Bronzezeit künden vom Kunsthandwerk dieser Epoche.
Gräberfelder und Messerfunde sind Zeugen der Eisenzeit.
In der Nähe heidnischer Opferstätten solcher dichtbesiedelten Gegend suchten Missionare ihr Arbeitsfeld. Von ihrem Wirken berichten als älteste steinerne Zeugen aus dem Jahre 800 die Mauerreste der Peterskapelle. 952 bezeugt die erste Urkunde den Bau des Klosters Ludgeri. Vom Dorf Helmstedt kündet die altersgraue Stephanikirche. Der Lindenplatz zeigt die Dingstätte, und Holzberg und Rosenwinkel berichten noch heute von der dörflichen Siedlung. Einst schützten Festungsmauern und Tortürme die reiche Stadt. Allein der Hausmannsturm überstand die Zeiten und läßt Schönheit und Macht ahnen. Die Wallanlagen mit ihren Umflutgräben sind zu abwechslungsreichen Grünflächen umgewandelt. Fern vor den Toren schützten einst Landwehren. Walbecker und Magdeburger Warte bieten noch heute angenehme Wanderziele.
In der Hansastadt von 1426 blühten Handwerk und Handel. Zum Kulturmittelpunkt wurde Helmstedt durch Herzog Julius, der 1576 in der Stephanikirche die Accademia Julia feierlich gründete. 1592-1597 wurde die Universität vom Bauverwalter Paul Franke erbaut. Trotz Pestilenz und Krieg erlangte sie unter Calix, Conring und Beireis, den Goethe 1805 aufsuchte, weit über das Land hinaus Bedeutung. In St. Peter und Ludgeri begrüßen den Heimwanderer die Zeugen der Frühzeit des romanischen Stils. In ihrer Reife gestaltete die Bauform das Kloster Marienberg. Klassische Arbeiten der Gotik zeigen das Kruzifix in St. Georgen oder der Altarschrein der Walpurgiskirche. Humanismus und Barock kündet das Juleum, während sich der Spätbarock im behäbigen Eingangstor der Domäne Ludgeri erhalten hat.
Gassen, Straßennamen und prachtvolle Fachwerkbauten plaudern von der Geschichte und Baukunst vergangener Zeiten. - Heute ist Helmstedt internationale Weltstadt und Grenzort. Bedeutende Industrien - berühmt die Weberei, die Margarine und der Apparatebau sowie die chemische Industrie - zeugen von Wille und Tatkraft. Alt und neu ist durch eine weitschauende Stadtverwaltung gut aufeinander abgestimmt, so daß der Fremde genießend die Stadt erleben kann. Am Ost-Elm entwickelte sich die bedeutendste Braunkohlenindustrie Niedersachsens. Ein tiefhaftendes Erlebnis ist es für jeden Besucher, dem gewaltigen Arbeitsthylhmus der Gegenwart in den Tagebauten der Gruben Treue zu lauschen.
Auf der Wanderung nach dem Süden betreten wir wiederum ältestes Siedlungsgebiet. Tief versteckt in den Waldungen des Elmes liegen die mächtigen Wallanlagen der Elmsburg, die ein 8 ha großes Stück Erde sichernd umschließen. Als Fluchtburg wurde sie in vorgeschichtlicher Zeit aufgerichtet. Sie diente dem Schutze derjenigen Stämme, die sich seit der Steinzeit an den Salzquellen im Gebiet der Missau angesiedelt hatten. Von fernen Tagen erzählen die reichen Funde; aber erst das Jahr 747 bringt die exakte Nachricht, daß Pippin der Kl. an der Missaha lagerte. 784 werden dort Karl d. Gr. und 994 Otto III. erwähnt. Leider ist der Königshof jener Zeit nicht mehr Zeuge glanzvoller Tage. Noch aber geben das Lorenzkloster Kunde von der Mönchsgründung und die alte Vincenzkirche Nachrichten von der Marktsiedlung der Handwerker und Salzköter. So ward Schöningen. Das Schloß erzählt von hohen Fürstinnen, die hier ihren Witwensitz hatten und den sozialen Ausbau der Stadt förderten. Kämpfe und Seuchen überstanden die reichen Bürger. Oft knarrten zur Zeit der würgenden Pest die Räder des Schüdderumps durch die Gassen der Bergstadt. Zur Gesundung Schöningens halfen immer wieder Salz, Braunkohle und Börde. Willst du, lieber Wanderer, aber tief in das geschichtliche Werden der Stadt eindringen und Vergangenheit und Gegenwart wirklich erfassen, so greif zu den Werken von Karl Rose oder besuch ihn selbst. Sein überaus reiches Wissen wird die beste Führung übernehmen.
Der eine durchrast die Elm-Autostraße, der andere folgt dem südlichen Dietwege. Von Raubritterburgen und festen Schlössern künden Twieflingen, Dahlum, Schliestedt, Bansleben, Weferlingen, Sambleben und Ampleben. Uns aber grüßt der schiefe Turm von Schöppenstedt. Im Osten, Norden und Westen vom Rotberge, Elm und 0lla eingeschlossen und im Süden von den Sumpfniederungen der Altenau gesichert, bildeten sich schon zur Zeit der Brunonen mit der ältesten Stephanikapelle hier ein kirchlicher Mittelpunkt und ein landwirtschaftliches Zentrum. Im 14. Jahrhundert erhielt der aufstrebende Ort Weichbildrechte und sichernde Stadtmauern. Twelken-, Stoben-, Hohes und Neues Tor sowie die Küblinger Pforte schützen die belebten Ausgänge. Das 16. Jahrhundert fügte dem Gemeinwesen durch Brände und Überschwemmungen vernichtenden Schaden zu. Alle Kriege mit ihren Nöten lasteten schwer auf der Stadt. Trotzdem gewährleisteten Landwirtschaft und Gewerbefleiß eine stete Entwicklung. Gern wandert man durch die kuscheligen Gassen und engen Straßen und freut sich über die Altenau, die offen über den Marktplatz dahinplätschert. Was reist du nach Pisa? Freue dich des schiefen Turmes deiner Heimat, in der Eulenspiegel sein Wesen trieb, wo Witz und Humor leben und schalkhafte Mären noch immer umgehen! Vergiß auch nie, in Kneitlingen einzukehren, um Eulenspiegels Geburtsstätte aufzusuchen, wo er dich anlächelt als Weltweiser und Narr. Auf dem nahen Kulk, in dem er seine zweite Taufe erhielt, rudern und gründeln die Enten, und die Straßenbuben verprügeln sich noch wie zu jener Zeit, in der Eulenspiegel ihre Stiefel und Schuhe durchinanderwirbelte. Vergessen wir auch nie einen Besuch in Küblingen, dessen Kirche mit der Trennung der Geschlechter fast wie eine Eulenspiegelei anmutet. Zurückkehrend nach Lucklum grüßt Evessen. Auf dem "Hoch" rauscht noch immer die alte Linde über dem stillen Heldengrabe. Von Aberglauben und Krankheit berichten die rostigen Hufnägel, die wandernde Burschen vor Jahrhunderten einschlugen.
Das ist der Elm mit seinem Buchendome und den leuchtenden Birkenhainen, mit waldbewachsenen Gründen und blumenübersäten Wiesen. Kehr ein im goldenen Lenz, im blauenden Sommer oder im farbenblühenden Herbst. Durchstreife das Waldesdickicht im Schneegestöber oder im wallenden Nebel.

Trink, o Auge, was die Wimper hält, von dem goldenen Überfluß der Welt.

Gruss aus Schöppenstedt  Gruss aus Schöppenstedt 


Schorse Twelkenmeyers schöne dicke Joppe

Je mehr man sich weigert, von einer Sache etwas wissen zu wollen, um so mehr spukt sie einem im Kopf herum. So erging es auch den Schöppenstedtern mit ihrem tieferen Grund; denn die Kardinalfrage, ob der tiefere Grund in der Luft oder in der Erde liegt, war ja noch nicht beantwortet worden. Mochte man auch die verhängnisvolle Quelle zuschütten, den schiefen Turm hatte man noch immer vor Augen, er ging nicht aus dem Weg. So beschlossen die Schelme, ihn mit Gewalt aus dem Wege zu schaffen. Die Kirche sollte verschoben werden.
So sehen wir eines Tages die Schöppenstedter an der Kirche stehen und mit ihren breiten Rücken gegen die Mauern drücken. Da kommt ein Wandersbursche des Weges daher, sieht sich die Geschichte eine Weile an und denkt: Wo so viele närrische Leute sind, fällt auch noch ein Streich für mich ab. Und er sagt dann laut: "Leute, das ist ja ganz schön, was ihr da macht; aber ihr könnt doch gar nicht sehen, wie weit ihr die Kirche schon weggerückt habt." "Das ist auch wahr", antworten die Schöppenstedter, "aber wie fangen wir das an?" "Nichts ist leichter als das", meint der Wanderbursche, "einer von euch legt seine Jacke jenseits hin und ein anderer sieht von Zeit zu Zeit nach, ob ihr schon näher herangekommen seid". "Das ist auch wahr; daß wir darauf nicht gleich gekommen sind, das ist ja ganz einfach!" rufen die Schöppenstedter begeistert, und Schorse Twelkenmeyer zieht seine schöne dicke Joppe aus und legt sie hinter die Kirche.
So, und dann gehen sie mit großem Eifer wieder an die Arbeit. Sie drücken und stemmen und schrein "Hau - ruck!", spucken in die Hände und wischen sich den Schweiß von der Stirn, und als sie alle die Köpfe so schön tief haben, da geht der Handwerksbursche hinter die Kirche und nimmt sich die schöne dicke Joppe vom Schorse Twelkenmeyer als Andenken mit.
"Sie gibt schon nach!" schreit plötzlich Justus Wedderkopp, als er ausrutscht und mit seinem Buckel an der Kirchenmauer langschrammt. "Ich will gleich mal sehen, wie weit wir schon sind." Und er läuft um die Kirche und ruft: "Haltet an, haltet an, sie steht schon auf der Joppe! Von der Joppe ist nichts mehr zu sehen!" "So", sagten da die andern, "das haben wir aber wieder fein hingekriegt", und sie putzen sich die Schnoddernasen. Nur Schorse Twelkenmeyer kann seine Lichter nicht putzen, denn sein Taschentuch ist in der Joppe. So macht er ein dummes Gesicht und meint schließlich: "Nun sehe ich meine schöne dicke Joppe nicht mehr wieder."

Stadtwerbung 1957

Stadtwerbung


Ostfälische Vertelljen
Wo et in Wulfenbüttel froier utsach

Wi kaimen up use Kindertiet tau spräken, un Otto St. vortelle: "Wenn wi von user Gärtnerie, dä up d'r Halchterschen Strate hinder "Monpläsier" lach, in de Stadt wollen, kaimen wi bi'r Isenbahn an d'r Baue vorbi. Da gaff et Peppernötte, for fief Pennig Lakritschen un alderhand soiten Kram. Wenn wi ut'r Schaule kaimen, denn sau raipen wi: "Herr Eschemann, wat kostet 'n Fiefgröschenbrot?" Denn kamm hai eruteböstet, un wi laipen, wat et Tüch holen wolle, na Huus. Up'n Jaarmaket argern wi de dicke Frue jümmer, wenn wi raipen: "Honnichkaukenpärd!" Wenn et Sönndag was, namm use Va'er üsch Jungens an de Hand, ach wat freuen wi üsch! An d'r Bahnhoffstrate erunder bet wo hüte Lorenz wunt, was de Gasanstalt, da wohne de Gasmester Vogel. Up'r Bahnhoffstrate was noch Koppplaster un daipe Goten. De swaren Fauerwarke maken en Mordsspektakel. En Kronprinzen gegenower was en haugen Barch mit luter Buschwarkes. Da saigen wi en eersten Velozzepeen wat tau. Dat wörren sware Dinger ut Holt mit Isen beslaan. Dä wörren up'n Barch eschoben, un susen denn in'n düchtigen Swunge erunder, dat make en Bärenspaaß. Wat is dat doch for'n groten Underschaid twischen donnemals un hüte! Wär dat nich aferlewet hett, kann sick dat gar nich denken. In den Huse "Bielsteins Bäckerie" wohne de einzige Polleziste von Wulfenbüttel. Dä bille sik awer ok ornlich wat in. De "Grote Timmerhoff" was de Ingangsstrate na'r Stadt. De "Kommißstrate" was noch tau smal, dä is nahär acht Meter braier eworren. Wo hüte dat Landratsamt is, was alles woistes Buschwarkes. De "Schimmel" was awer al da! Da gaff et for'n Gröschen en Wittbrot mit Wost und Hackelse un en lüttjen Sluck ok for'n Gröschen.

Hans Huckebein


Hans Huckebein

As ick up'r "Lüttjen Braie" erup gung, moßte ick emal wäer bi'r Mudder Biermann vorgahn. Da verteile se mick: "En Gärtner in Wulfenbüttel harre en tarnen Rawen. Dä hucke up'n Howwe twischen en Küken erümme, un de Klucke was'r bange vor. As de ganze Fomilie up'n Felle was, harren se for de Küken ne Schale mit Water henn esettet. De Rawe hucket up'n Rand, un wenn de lüttjen Küken drinken willt, hacket hai se up'n Kopp, un denn wörren se dote. "Hans Huckebein" sitt pröttsch up'n Ranne, un snarrt: "Wat secht'n awer nu?" As de Gärtnärslüe nu wäer inkomet, saihet se de Bescheerich un argert sick hellschen ower dän döönschen Unglücksrawen. Nahär bringet se öhre Früchte na'r Konservenfabrike "Busch, Barnewitz & Co." un dräppet da tehope mit dän groten Malerdichter "Wilhelm Busch", dä just emal wäer bi sienen Brauer te Gaste was. Hai fröcht de Gärtnerslüe: "Wat is denn eschain? Ji maket ja en Gesichte, as wenn jüch de Paitersilje verhagelt wörre!" Nu vertellet se von "Hans Huckebein". Wilhelm Busch hört nipe tau, un da is hai up "Hans Huckebein, der Unglücksrabe" ekomen.

Schöppenstedter Ratsherren um 1505

Schöppenstedter Ratsherren um 1505


Pingesten in'n Oderwoold

Wo dat in'n minschligen Leben ofte sau gait, et kummt anders as ain denket. Sau was et ok midd'n Pingestwedder. Et was gut, dat wi gliek an'n eersten Pingestmorgen ganz froih na'n Oderwoold ewandert sind, un hett da Wunder ower Wunder belewet.
Ja, wo wundersam klar schiene de Sunne von'n blagen Heben up de junken Bläer, un de güllenen Strahlen danzen twischen den dünnen Telgen von'n Boiken un'n Maibömen. Alles was sau kerkenstille, de Lereken slaipen noch. Un da en betten wierhen de düsteren Dannen! Kain Maler kann dat sau wundersam aftaiken. Da röge de Morgenwind ganz liseken de Bläer an, in'n Buschwerk slauch 'ne Swartdraußele, un hille, hille woord alles lebennig! De eerste Lereke staich stickel in de Höchte na'n Heben, un sung öhr Pingstmorgenlaid. Indenkern güngen wi in't groine Maienholt. Lustich süngen de bunten Vöggels in'n Bömen un Büschen öhre Wisen, de Swart- un Singdraußele, de flinken Meseken, de Stieglitschen, de Rautböstjen, de Stippstereken, de Goldamer un vele andere, un de Mester Specht slauch datau en Takt.
Un nu plücken wi en Struuß Maibleaumen un Waldnester un froien lisch ower de velen Blaumen: Himmelsslöttelken, Lungenkruut, Lerekensporen un noch alderhand andere. Denn setten wi üsch up ek waike Moss un können üsch gar nich genauch wundern ower de dusend finen Moß-Stengel. Up ainmal knacke et, un en flink Reh sprung dorch de Büsche. Da saigen wi üsch an un säen: "Is dat alles for Pingsten?" Wi dachten an dat Laid von Franz Abt: "Dann gehet leise der liebe Herrgott durch den Wald".
Indenkern güngen wi na Huus, un wenn ok in'n Wedderlocke de düsteren Wolken al upstegen, in usen Hüsern, vor dä use Lüe Maiböme plantet harren, hett wi alle tehope Pingsten in'n rechten Pingestgaiste fiert.

Tetzel vor dem Rathaus in Schöppenstedt

Tetzel vor dem Rathaus in Schöppenstedt


Es hat schon alles seinen richtigen Grund

Kommt doch da eines Abends ein Bengel durch das Stadttor von Schöppenstedt gerannt, reißt beinahe den Wächter um und brüllt: "Hilfe, Hilfe, ein Wolf!" und ganz Schöppenstedt stürzt, mit Dreschflegeln und Mistgabeln bewaffnet, heraus und sucht den Wolf, findet aber keinen, obwohl jeder Misthaufen siebenmal umgekehrt wird. Die armen Schöppenstedter! Sie konnten ja auch keinen Wolf finden, es war nämlich keiner da, und der Bengel hätte eine Tracht Prügel haben müssen. Aber der war auch verschwunden. Seitdem heißen die Schöppenstedter auch die ,Wolfsjäger`. Und das ist für sie ein Beweis dafür, daß schon alles auf der Welt seinen richtigen Grund hat.

Sammelbilder eines Fleisch-Extrakt-Herstellers

Till in Wismar  Till in Erfurt 
Till und der Schuhmacher  Till in Lübeck 
Till und die Blinden  Till und der Bauer

Der schiefe Turm von Schöppenstedt

Daß sich selbst wetterharte Balken nur so biegen, wenn Seeleute, Jäger, Schelme und Narren ihre Streiche mit vollem Munde und breiter Brust den Spießbürgern einblasen, das ist eine Weisheit, die so wahr ist, wie das Amen in der Kirche. Das müssen dann allerdings auch solche Kerle sein, die so breitbeinig auf der rollenden Erde stehen, daß ihnen kein Sturm etwas anhaben kann. Wo diese wetterharten Gesellen ihr knotiges Garn spinnen, da geht eine solche Kraft auf die Zuhörer über, daß auch diese alle Fährnisse des Lebens mit einem Lächeln überwinden. Da mag sich dann der Himmel schon mal verdunkeln, sie fürchten sich nicht; denn sie wissen ja, daß die Sonne wieder scheinen muß, und daß es nur darauf ankommt, die Zeit mit jener stillvergnügten Geduld abzuwarten, die in den Herzen der großen Schelme wohnt.
Potztausend! und so kommt es dann auch, daß ein ehrwürdiger Kirchturm, der wie ein König über den Gassen und Winkeln der kleinen Stadt thront und all die Schelmenstreiche der Einwohner mitanhören muß, vom vielen Lachen und Lauschen krumm wird wie ein Fiedelbogen nach der Kirmes und so seine Würde für ein Narrenlachen opfert. Wo fröhliche Menschen sich ein Stelldichein geben, lacht sich selbst ein alter Kirchturm schief. Wer das nicht glauben will, der wandere nun mit uns ins Braunschweigische hinüber, dort wo der waldige Elm seine Arme schützend um die friedlichen Dörfer legt, einen Narrensprung von Kneitlingen, dem Geburtsort Till Eulenspiegels, entfernt, nach Schöppenstedt, und er wird den schiefen Kirchturm und einen Sack voll Narren finden, die mit einem gestrichenen Lot Schalksgeist über die vielen Jahre der Not, über Kriegszeiten, Feuersbrünste und Wassersnöte gekommen sind. Hier aber, wo die Eule noch im schiefen Kirchturm nistet, wird auch er jene Kraft verspüren, von der gesagt ist, daß sie alle Not und Bedrängnis des Lebens zu überwinden vermag, und er wird dort das gütige Lächeln der Schelme finden, das in unserer Zeit so selten geworden ist. Und das wollen wir!

Ein altes Kinder-Quartett (ab 10 Jahre)

Till auf dem Seil 
Till und der dumme Landgraf 
Till und der geizige Bäckermeister 
Till und die goldenen Hufeisen 
Till der Turmbläser 
Till und der hochmütige Kaufmann 
Till und der gestohlene Bienenkorb 
Till im Sturzkarren

Das Gras auf der Stadtmauer

Als im Turm von Schöppenstedt die Balken begannen, sich zu biegen und die ersten Schelmenstreiche auf die Reise gingen, faßten die Schöppenstedter den Plan, eine dicke Mauer um ihre Stadt zu ziehen, denn es waren des öfteren schon Fahrensleute in der Stadt aufgetaucht, die nicht nur der Hunger auf Narreteien bis dorthin getrieben hatte. Die Schöppenstedter sagten sich ganz richtig, daß für den Ruf einer Stadt und seiner ehrbaren Bürger nichts abträglicher sei als eine Lügengeschichte, die von einem Fahrenden in den Wind geblasen wird. Und so bot ihnen die Mauer gleichsam einen doppelten Schutz. Die Jahre gingen regelmäßig mit Sommer und Winter übers Land. Im Sommer aber machte sich auf der Mauer das Gras breit, ein saftiges Gras, eine rechte Augenweide für die Schöppenstedter. So blieb das auch lange Zeit, bis eines Tages der Schalk seine Nase auch in dieses Gras steckte und eine blutige Schuld auf sein Gewissen lud. Die Geschichte begann ganz harmlos: Ein Wanderbursche kam an das Stadttor und sagte so ganz nebenbei zu dem Wächter: "Laßt ihr das Gras da auf der Mauer immer so wachsen, Alter? Das gibt doch ein gutes Kuhfutter und versaut euch nicht den Stein!" Der Alte wußte nicht recht, wo der Bursche mit ihm hinwollte und meinte: "Bei uns kann wachsen, was wachsen will. Wir haben Futter genug!" Aber das war nur Prahlerei gewesen, und als der Wanderbursche weg war, holte der Alte Leiter und Sense und mähte sich genügend Gras für seine Kuh ab. Ja, am Abend lobte er sogar seinen Einfall seinem Weibe gegenüber.
Wie das nun einmal geht: Andere sehen das, und da den andern schon lange billig, was dem einen recht ist, so sah man bald die Anlieger geschäftig und schweißtriefend auf der Mauer beim Grasmähen. Die aber nun weiter entfernt wohnten, kamen nicht mehr zurecht, und sie meinten, daß das ungerecht sei. Bald darauf aber saßen Bürgermeister und Ratsherrn mit dampfenden Köpfen über einer Beschwerde. Sie überlegten hin und zurück, und endlich wurde man sich darüber einig, daß alle Bürger der Stadt zuwgleichen Anteilen in den Genuß des Grases kommen sollten. Aber wie das tun?
Der Allerklügste war schließlich wieder der Bürgermeister. Wofür war er denn auch Bürgermeister? - Er wischte sich mit seinem breiten Taschentuch den Schweiß von der Stirn, trank einen Streifen Mumme, räusperte sich gewichtig und sprach also: "Wir weiden einfach unsern Stadtbullen auf der Mauer. Und wenn der Bulle ordentlich im Futter steht, so kommt das allen Kühen zugute!" Sprach's und setzte sich erschöpft wie einst König Salomo. "So ist das richtig!" riefen die Ratsherrn und ließen ihren klugen Bürgermeister hochleben.
Da nun die Schöppenstedter nicht lange fackeln, wenn sie auf etwas losgehen, so packte Krischan Stöwesand, der Ratsschlächtermeister, den Bullen bei den Hörnern und schleifte ihn bis an die Mauer. "Ja, aber wie kriegen wir das Biest mit seinen vierundzwanzig Zentnern da nun hinauf?" fragte Jürgen Bosse, der spillrige Schneider, und spuckte in die Hände. Da meinte der alte Hoppe: "Ich habe ein neues Tau zuhause. Damit binden wir ihn, packen dann alle tüchtig mit an und ziehen ihn hinauf!" Das leuchtete allen ein. Hoppe holte also das Tau, band es dem Bullen fest um den Hals, warf es über die Mauer, und dann wurde der Bulle mit lautem Hallo hochgezogen. Er war aber noch nicht halb oben, da hing ihm schon die Zunge wie ein Waschlappen aus dem Maul, und was dem Schuster Horn sein Weib war, das schrie: "Hei lecket all, man tau, hei lecket all!" Und die Stutzer und Gaffer spektakelten dazu wie ein Schwarm Gänse und malten sich aus, wie gut dem Bullen wohl das schöne Gras schmecken müsse, da er so die Augen verdrehe. Bloß Goldschmied Haberlands Lehrbursche - der war aber kein Schöppenstedter - rief: "Ihr alten Esel, seht ihr denn nicht, daß der Bulle schon längst krepiert ist! Ihr habt ihm ja das Tau um den Hals gelegt und ihm die Luft abgeschnürt!" Da ließen die Männer erschrocken das Tau los, und bums! lag der Bulle tot an der Stadtmauer.
Das war eine dumme Geschichte geworden, und nur gut, daß der Wanderbursche schon lange weg war. Der Bürgermeister aber meinte: "Erzählt das nur nicht weiter, sonst sagen euch die Leute noch allerlei Schlechtes nach. Wenn irgendwo mal eine Dummheit gemacht wird, dann sollen es immer die Schöppenstedter gewesen sein!"

Spiel des Jahres

Spiel des Jahres 

Der außergewöhnlich feierliche Empfang

Was so ein echter Schöppenstedter ist, dem friert das Lachen nicht einmal im Hochsommer ein, wenn die Äpfel an den Bäumen braten. Aber für eine Erfrischung ist er immer zu haben! So haben es diese von Feuersbrünsten und Wassersnöten oftmals heimgesuchten Leute schon früh zu einem beachtlichen Wohlstand gebracht, weil sie ein Bier brauten, das so köstlich schmeckte wie die Braunschweiger Mumme und bald im ganzen Lande mit gutem Gewinn verkauft wurde. Das hatte sich auch bis zum Herzog von Braunschweig herumgesprochen, und so ist es nicht verwunderlich, daß dieser einmal die trockene Lust verspürte, seinen wackeren Landsleuten einen Besuch abzustatten. Daß das natürlich auch den Schöppenstedtern wie sauer Bier in den Kopf stieg, ist selbstverständlich. Sie beschlossen also, ihrem Landesherrn einen außergewöhnlich feierlichen Empfang zu bereiten. Der Bürgermeister und die Ratsherren legten am Tage des Besuches ihre Bratenröcke an und bemühten sich sogar, den hohen Gast von der Kuckucksmühle abzuholen. Ja, sie hatten sogar auf dem Elm einen Posten aufgestellt, der ihnen sofort Nachricht geben sollte, sobald sich die herzogliche Kutsche zeigen würde.
Nun war aber ein so heißer Tag, daß den Leuten selbst der Schalk aus der Haut fuhr, um sich eine Abkühlung zu verschaffen. Er bewegte die hohen Herren, sich die Wartezeit durch ein erfrischendes Bad zu verkürzen. So zogen sie alle ihre schweren schwarzen Röcke aus und sprangen kurz entschlossen in den Bach. Aber wenn schon der Schalk seine Hand im Spiele hat - kaum waren sie richtig naß, da meldete schon der Posten die herzogliche Kutsche. Weil er aber die Kutsche zu spät erkannt hatte, so war der Herzog so überraschend erschienen, daß Bürgermeister und Ratsherren nicht mehr die Zeit fanden, in die Hosen und Röcke zu schlüpfen. Der Bürgermeister konnte auch in der Eile keine weiteren Anweisungen für den feierlichen Empfang geben. Er konnte nur noch schreien: "Aufstellen, und macht nur das nach, was ich vormache!" Und so kam es, daß Bürgermeister und Ratsherren naß und pudelnackt vor ihrem Herzog standen. Der aber hielt sich den Leib vor Lachen, als er die feisten Bürger sah, denen das Wasser von Bauch und Nase tropfte.
Ein Unglück kommt selten allein! Gerade in dem feierlichen Augenblick, als der Herzog vorbeifuhr, kam so ein Biest von blinder Fliege auf den Gedanken, seinen Stachel in den Hintern des Bürgermeisters zu stechen. Dieser klatschte wutentbrannt mit der flachen Hand danach, und weil nun der Bürgermeister zu den Ratsherren gesagt hatte, sie sollten nur das nachmachen, was er vormache, so dachten diese, auch das gehöre zum feierlichen Empfang und schlugen sich aus Leibeskräften auf den Hintern, daß es nur so klatschte und knallte und beinahe die Pferde vor der herzoglichen Kutsche durchgingen.
Ein solch außergewöhnlich feierlicher Empfang eines Herzogs hat bisher nicht seinesgleichen gefunden, wenn auch die Schöppenstedter kurze Zeit danach noch eine besondere Art der Begrüßung erfanden, wovon gleich erzählt werden soll.

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Das kleine Raffer-schiß-mang
Der Herzog, dem das Wohl seiner Landsleute sehr am Herzen lag, reiste wieder einmal im Lande umher, und den hellhörigen Schöppenstedtern war zu Ohren gekommen, daß er auch zu ihnen kommen werde, und das nicht nur, um ihr gutes Bier zu kosten. So rief der Bürgermeister die Ratsherren zusammen, und sie versuchten, sich über den Empfang des Landesherrn Gedanken zu machen. Sie waren allerdings nach dem ersten mißglückten Empfang etwas vorsichtiger geworden und kamen, nachdem sie sich mit vielen Wenn und Aber die schöne Zeit verpatzt hatten, schließlich überein, vorher untertänigst anzufragen, womit man diesmal den Herzog erfreuen könne.
Bald darauf kam die Antwort vom herzoglichen Hof: Der Herzog wünsche nur ein kleines Refraichissement. Das war an sich wenig, andererseits aber doch sehr viel verlangt; denn die Schöppenstedter zerbrachen sich Tag und Nacht den Kopf darüber, was sich wohl der Herzog bei diesem Wort gedacht haben könne. Auch diesmal schoß der Bürgermeister wieder mit seiner Klugheit den Vogel ab. Er sagte nämlich: "So ein Raffer-schiß-mang scheint mir nur ein unanständiges Wort zu sein, und der Herzog will uns damit nur foppen." Da machten aber die Ratsherren nicht mit; denn sie meinten, wenn sie auch damals gerade nicht feierlich ausgesehen hätten, so sei die Sache doch nicht so unanständig gewesen, und schließlich hätten sie ja auch vorher gebadet. Da man sich also bereits wieder in den Haaren lag und der Bürgermeister schon verdächtig die Hemdsärmel aufkrempelte, verfiel man auf den stets rettenden Gedanken, die Sache zu vertagen und den Rektor, der als sehr gebildet galt, zu befragen. So geschah es auch, und der Rektor meinte, das Wort müsse wohl französisch sein, weil es sich so unanständig anhöre, und alles, was man deutsch nicht sagen könne, das könne man französisch ungeniert aussprechen. Der Rat solle man nach Wolfenbüttel schicken, da hätten sie so viele Bücher angesammelt, und vielleicht sei auch ein französisches Wörterbuch darunter. Da klatschten die Ratsherren zustimmend in die Hände, und der Bürgermeister schickte den Stadtschreiber nach Bier. Das sollte gefeiert werden!
So kam eines Tages die Kunde von Wolfenbüttel, das Wort Refraichissement bedeute auf gut deutsch: Abkühlung oder Erfrischung. Das war nun wieder ein Grund zum Feiern; denn alle waren sich darüber einig, daß der Herzog eine Abkühlung erhalten solle, die nicht von schlechten Eltern sei. Das wollte man schon hinkriegen!
An dem Tage nun, an dem der Herzog nach Schöppenstedt kam, um sich etwas zu erfrischen, standen die ehrbaren Bürger am Spritzenhaus versammelt, und in dem Augenblick, in dem die Kutsche mit dem Herzog in den Marktplatz einbog, kommandierte Hauptmann Handfuß: "Wasser marsch!", und dann schoß dem Herzog aus drei Feuerwehrspritzen ein mächtiger Wasserstrahl ins Gesicht, und ganz Schöppenstedt tanzte dazu und schleuderte die Mützen vor Freude darüber in die Luft, daß man dem Landesherrn eine Abkühlung verschafft hatte, die er nirgends hätte besser kriegen können.
Na, und das stimmt dann auch!

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Das verschriebene Gewitter
Es war wieder einmal eine solche Hitze über das Land gekommen, daß es Bratäpfel regnete. Da bekamen es die Schöppenstedter mit der Angst zu tun, und der alte Thedchen Lämmer meinte ergriffen: "Wenn nun nicht bald eine Regentonne überläuft, geht die ganze Ernte zum Teufel." Und so war es auch. Da wollten sich nun die Schöppenstedter ein Gewitter verschreiben lassen. Ein Neunmalkluger hatte nämlich ausfindig gemacht, daß der Apotheker von Braunschweig Gewitter machen könne. So gab man Wieschen Langebartels, die immer die Erste in der Klasse war, den Auftrag, nach Braunschweig zu gehen und vom Apotheker Münnich ein Gewitter - aber ohne Blitze - zu holen.
Als nun Wieschen in der Apotheke die Bestellung aufgab, blinzelte der alte Münnich zunächst einmal etwas verlegen über seine Brille und streute sich Schnupftabak in die Nasenlöcher; dann aber ging ihm ein Licht auf: "Dein Gewitter sollst du haben, mein Kind, ein tüchtiges Gewitter mit viel Regen - und einschlagen soll es nicht!" Da machte Wieschen einen Knicks und freute sich, daß alles so gut ablief. Der Apotheker nahm noch eine Prise und meinte nach dem unvermeidlichen Niesen: "Setz dich solange, oder komm in einer halben Stunde wieder. Ich muß das Gewitter erst zurechtmachen."
Na, und Wieschen hatte noch allerlei Gänge in der Stadt zu besorgen und segelte los. Da man damals noch nach Herzenslust einkaufen konnte, kam sie bald mit Körben und Kiepen, Kisten und Kästen und was Gott weiß und was er nicht weiß zurück. Münnich, der Schalk, hatte inzwischen das Gewitter gemacht; denn wenn einem ein Schabernack gespielt werden sollte, war er schnell dabei. Er hatte einen ganzen Bienenschwarm in eine große Schachtel gesperrt. "Hier, mein Kind, hier in dieser Schachtel ist das Gewitter", sagte er ernsten Blickes, "das mußt du sehr vorsichtig tragen, und mach ja nicht die Schachtel auf, sonst bricht das Gewitter aus, und die Schöppenstedter haben den Schaden."
Also gut, Wieschen geht los. Nun muß es aber den Bienen in der Schachtel zu warm gewesen sein; denn plötzlich fangen sie gefährlich an zu summen. Wieschen kriegt es mit der Angst zu tun, und kurz vor Schöppenstedt stellt sie die Schachtel auf die Erde und reibt sich den Hals trocken - und noch mehr, und sie bebt und bibbert schon am ganzen Körper. "Wenn das bloß nicht einschlägt", denkt Wieschen, "dann bin ich verloren. Oder soll ich nicht doch lieber etwas Luft machen?" Und sie macht sich nun doch über die Schachtel und quält sich redlich damit ab; denn was ein Apotheker zugekleistert hat, das soll der Teufel aufmachen. Schließlich gibt der Deckel doch ein bißchen nach, und da geschieht das Unglück: Der Bienenschwarm braust in einer dunklen Wolke heraus. Wieschen springt erschrocken zur Seite, stolpert und sieht nur noch die große dunkle Wolke nach Braunschweig fliegen. Dann aber reißt sie plötzlich entschlossen ihre Schürze herunter, schwenkt sie heftig hin und her und brüllt aus Leibeskräften: "Nach Schöppenstedt! Nach Schöppenstedt!" Und richtig: Der Schwarm schwenkt ab - fliegt aber leider mehr nach Eitzum zu.
Wieschen Langebartels kam weinend nach Hause und erzählte unter Schluchzen von ihrem Unglück und daß das Gewitter nach Eitzum geflogen sei. Da fuhren die braven Schöppenstedter dann doch mit Nachdruck aus der Haut: ausgerechnet für die Eitzumer ein solches Gewitter bezahlen? Und kurz entschlossen greifen sie zu Dreschflegel und Rechen, und während tatsächlich die ersten Tropfen fallen, brechen sie eine Rauferei vom Zaun, die in der Geschichte der Revolutionen nicht ihresgleichen hat.
Als dann die Sache vor's Gericht kam, wurden die Schöppenstedter nicht nur tüchtig hochgenommen, sondern mußten außerdem noch für das zweite Gewitter berappen. Seitdem haben sie kein Gewitter mehr bestellt; aber Wieschen Langebartels hat doch noch einen Mann bekommen, und der war sogar aus - Schöppenstedt!

Alte Raritäten

Sigelmarke Landgericht Schöppenstedt  Sigelmarke Schöppenstedt  Sigelmarke Schöppenstedt
Freistaat Braunschweig 


Wie die Schöppenstedter ein verlorenes Wort suchten und fanden
In eine Stadtmauer gehört auch ein Tor (oder Dor, wie man in Schöppenstedt sagt), damit man ein- und ausgehen kann. Das hatten die Schöppenstedter von den Braunschweigern abgesehen. So schlugen sie auch ein Tor in ihre Stadtmauer. Aber ein richtiges Tor muß auch einen Namen haben. Auch das hatten sie von den Braunschweigern gelernt, nur hatten sie vergessen, wie solch ein Ding benannt wird. Und so sehr sie sich auch die Köpfe zerbrachen, sie kamen nicht auf den Namen. Schließlich wußten sie sich nicht anders zu helfen, als in Braunschweig anzufragen.
Das war kurz nach dem Unglück mit dem verschriebenen Gewitter. Um nun nicht wieder zum Gespött der Leute zu werden, schickten die Schöppenstedter kein Weibsbild, sondern einen findigen Kerl, den Fritze Närrisch, nach Braunschweig. Er bekam auch richtig Bescheid und ließ sich das Wort noch zur Sicherheit auf einen Zettel schreiben. Als er aber in Schöppenstedt ankam, hatte er das Wort vergessen; und er mochte sich noch so lange am Hinterkopf kratzen, es kam nicht zum Vorschein. Aber auch den Zettel konnte er nicht finden, so oft er auch den Dreck aus seinen Taschen schüttelte. Da hättet ihr die Schöppenstedter schimpfen hören können! Nun, auch das half ja schließlich nicht weiter, und da sie nicht zum zweitenmal nach Braunschweig schicken wollten, machten sie sich in den Abendstunden mit Laternen und Mistgabeln auf, um den verlorenen Zettel zu suchen. Fritze Närrisch ging voraus, und halb Schöppenstedt folgte nach. Während sie so richtig mit ihren Mistforken im Straßendreck herumstökerten, da schreit doch der Fritze Närrisch auf einmal laut auf - eine Gabel war ihm durch den Fuß gefahren. Die harmlosen Schöppenstedter aber meinten, er habe den Zettel mit dem Wort gefunden und fragten: "Is't dor, Fritze, is't dor?" - "Dor, Dor, Dor!" brüllte da Fritze Närrisch, "so heißt ja das Wort!"
Ja, und so hatten die Schöppenstedter doch noch mitten in der Nacht das Wort auf der Landstraße gefunden, und sie zogen mit Hallo in die Stadt zurück. Nur einer humpelte erbärmlich hinterher, und das war Fritze Närrisch.

Damit wurde mal bezahlt - 1 ¼ Taler

Ein einviertel Taler vorn  Ein einviertel Taler hinten  Wolfenbüttler Münze 


Die Narretei vom tieferen Grund
Den Schöppenstedtern war es schon lange nicht mehr recht, daß ihr Kirchturm sich mehr und mehr bog. Auch liefen darüber schon so viele Lügengeschichten im Lande um, daß es selbst den Schöppenstedtern zu viel wurde. Kurzum; dem sollte ein Ende bereitet werden. So kam es, daß dem Bürgermeister selbst im Schlafe die Haare zu Berge standen; denn den ganzen Tag über schleppten ihm die Bürger den Dreck in die Amtsstube und forderten immer wieder und einer nach dem andern, er solle Rat schaffen, wie der schiefe Turm wieder gerade gebogen werden könne. Nachdem dem Bürgermeister zum siebentenmal die Galle ins Blut gelaufen war, erklärte er kategorisch: "Das geht mich und die Stadt nichts an. Das ist eine rein kirchliche Angelegenheit." Und damit warf er den Peter Brand durch das Fenster.
So kam der ehrwürdige Herr Superintendent an die Reihe, und nun trugen sie dem den Kuhmist auf den Teppich. Der aber wußte sich gleich zu helfen: er nahm einen großen Aktenbogen und schrieb fein säuberlich mit sauberen Fingern an das Konsistorium in Wolfenbüttel, ob die Schöppenstedter den schiefen Turm abreißen und durch einen neuen ersetzen dürften.
Es verging nun darüber erst ein Vierteljahr, aber dann kam dafür eine Antwort, die man sich hinter den Eulen-Spiegel stecken konnte, und die lautete klipp und klar: "Hm, schlägt Euch Schöppenstedtern nicht die Schamröte ins Gesicht, wenn Ihr so die Tradition von altersher verachtet, wo Ihr das schönste Wahrzeichen der ganzen Umgegend habt?! Aber untersteht Euch und fangt mit dem Bauen an. Zum Bauen braucht man Geld - viel Geld - sehr viel Geld, und das Konsistorium hat nichts. Überhaupt und so: Sucht zunächst einmal nach dem tieferen Grund, warum der Turm eigentlich schief ist."
Bautz! da hatten sie's und dann gleich so knüppeldick hinter's Ohr. Na, mit Tradition wußten sie in Schöppenstedt nichts anzufangen; aber den Grund, den tieferen Grund, den wollten sie zunächst doch suchen. Und nun ging das Suchen los, zunächst einmal mit Worten. Der Zimmermeister Knobbe meinte: "Der tiefere Grund liegt in der Spitze, die ist nämlich schief." Der Maurermeister Bolte war klüger und sagte : "Einen tieferen Grund kann man nicht oben in der Luft suchen. Der Grund liegt doch immer unten. Wir müssen ihn tief in der Erde suchen." Und als das dem Knobbe noch nicht einlief, fuhr er zornig fort: "Das Konsistorium schreibt doch ganz richtig, wir sollen den tieferen Grund ausfindig machen; der muß also in der Erde liegen, du Hammel !" "Bolte hat recht, Bolte hat recht!" schrien da die Schöppenstedter und kamen mit Pickhacken und Spaten gelaufen, um den tieferen Grund zu suchen. Und sie pickten und gruben, daß ihnen das Wasser nur so vom Leder lief. Immer tiefer wurde das Loch. Bald standen sie bis zum Hals im Wasser; aber den tieferen Grund konnten sie nicht finden. Da lachte Bolte und sagte: "Was seid ihr für Dummköpfe! Da ist doch der tiefere Grund: das Wasser! Von dem Wasser hat der Boden nachgegeben, und so ist der Kirchturm schief geworden." Das aber wollten die Schöppenstedter nicht einsehen; denn sie sagten sich, "dann müßten ja die Mauern unten auch schief sein, aber die sind doch kerzengrade." Und so neigten sie wieder mehr zu der Ansicht, daß der tiefere Grund in der Spitze liegen müsse. Die sei eben schief gebaut.
Nun aber sollte die Arbeit nicht umsonst gewesen sein. Wasser wurde dringend gebraucht, und so wollten sie eine schöne Quelle anlegen. Die sollte sogleich ausgemessen werden, und das fingen sie nun auf eine höchst seltsame Art an: sie spannten um das Loch ein Seil, dann hing sich einer mit den Händen dran, ein anderer klammerte sich um seine Füße, und dann immer wieder einer, wie Glieder in einer Kette. Als so der siebente Mann 'daran hing, wurde dem ersten die Last doch zuviel, und er rief hinunter: "Anhalten, erst mal in die Hände spucken!" Und dann ließ er plötzlich los und bums! fielen sie alle in das Loch und brachen Arme und Beine und so mancherlei, was am Körper herumhängt. Es gab ein Wehgeschrei, daß das Wasser Blasen schlug, und sie wären beinahe elendiglich ersoffen.
So lief das ehrliche Bemühen um das Finden des tieferen Grundes zum Schluß noch in eine blutige Narretei aus, und ihr könnt euch denken, daß die Schöppenstedter heute nicht mehr daran erinnert werden wollen.

Im Karneval ist Till sehr begehrt

Koelner Karnevalsorden  Karnevalsorden  Karnevalsorden 2006
Karnevalsorden BG 75  Karnevalsorden 1981 


Der Gänsestreich

Der alten Schmitten fielen die Tränen wie Nüsse aus dem Gesicht. "O Gott, o Gott!" schluchzte sie in ihre Schürze, "o Gott, daß ich das noch erleben mußte! Meine schönen Gänse, meine schönen Gänse!" Da saß nun die alte Schmitten vor ihrem Gänsestall, und auf der Erde vor ihr lagen ihre vierzehn Gänse - tot - mausetot und rückten und rührten sich nicht, und es war nicht einmal ein Tropfen Blut zu sehen. 0 Gott! Die armen, schönen Gänse!
Kein Wunder, daß bei einem solchen Geheule ganz Schöppenstedt zusammenlief und sich die Bescherung von hinten und vorne und von allen vier Seiten ansah; denn Zeit hat man dort immer für solche Geschichten. Und das war nun gar eine, bei der der Tod ganz unblutig gekommen war. "Ein schöner Tod," meinte die Müllersche und wischte sich gerührt die Nase. Die Pampersche aber, die so allerlei Hausmittel und Schnickschnack wußte, war ganz ratlos und meinte: "Schmitten, das verschlägt mir die Sprache, und da kann ich auch nichts mehr machen. Da hilft weder Dachsfett noch Igeltran, und ein Kraut ist gegen d e n Tod schon lange nicht gewachsen. Damit müßt Ihr Euch abfinden. Wenn überhaupt noch was zu retten ist, dann sind es die Federn. Rupft die Gänse, so habt Ihr wenigstens etwas. Den Rest soll dann der Teufel fressen!"
Die alte Schmitten kannte sich aber damit gar nicht abfinden. "Meine schönen Gänse !"jammerte sie. "0 Gott, o Gott, die beste Gerste haben sie gekriegt, und jetzt sind sie steif wie'n Besenstiel. 0 Gott, o Gott, die armen Gänse!" Erst am Abend, als ihr genug Rotz und Wasser durcheinandergelaufen waren, kam sie endlich zu sich und rief Marie. "Wir wollen sie rupfen," sagte sie, und dann setzten sich die beiden Weiber hin und rupften, daß sich die Gänse noch zuweilen im Tode aufbäumten. Es war ja auch ein Jammer! Diese schönen Gänse und nun so splitternackt!
Als dann die vierzehn Gerupften im Abendsonnenschein, eine neben der andern, so friedlich und mit der Welt ausgesöhnt dalagen, da meinte Mariechen ganz gerührt von innen her: "Wo sollen denn nun die toten Gänse hin, Schmitten?" Und Mutter Schmitten war noch gerührter - es war ja auch zu feierlich - und schluchzte: "Leg sie man noch einmal in ihren Stall. Da können sie die letzte Nacht schlafen. Und morgen wollen wir sie beisetzen." Dann brach sie in heiße Tränen aus und nahm die Schürze vor die Nase. Mariechen aber schüttete noch frisches Heu in den Gänsestall und legte dann die vierzehn nackten Leichen fein säuberlich darauf und den Ganter vornean. Sie sollten es noch einmal gut bei ihr haben.
Am anderen Morgen nun - Julchen Schmitt lag noch in den Federn - hörte sie plötzlich ein lautes Geschnatter und Gegacker vom Gänsestall her. Das sind doch unsere Gänse, denkt sie und will in die Hosen springen. Da poltert schon Marie durch die Tür und ruft ganz entsetzt: "Schmitten, es spukt im Gänsestall! Der Teufel frißt die Gänse!" Die Schmitten aber sagt sich: "Die Gänse sind doch tot, und was tot ist, kann doch nicht mehr schreien." Doch dann fährt sie schnell in die Hosen und rennt so zum Gänsestall. Und als sie resolut die Tür aufreißt, da torkeln ihr die vierzehn Gänse entgegen, und der Ganter macht einen Hals, als ob er sie fressen möchte. "Schlag die Tür zu!" ruft Mariechen, "damit sie nicht so pudelnackt auf die Straße laufen, oder soll sich ganz Schöppenstedt über uns lustig machen?" - Die alte Schmitten knallt die Tür zu und setzt sich dann nieder; denn das war zuviel für sie auf nüchternen Magen und ohne Rock.
Die Schöppenstedter haben sich die Hosen vor Lachen naßgemacht, als die Geschichte von den vierzehn auferstandenen Gerupften reihum lief; und was der Brennereimeister ist, der hat dann der Geschichte noch den nackten Sinn gegeben. Die Gänse waren nämlich am Tage an seiner Brennerei vorbeispaziert und hatten sich an der warmen Maische so richtig vollgeschnattert, und davon waren sie so besoffen und steif geworden. Das Ende vom Liede war, daß die Schmitten die Gänse schlachten mußte und die Schöppenstedter sich von dem Schwarzsauer den Magen so richtig verkorksten. Und das war allerdings auch etwas wert.

Auch die Telekom findet Gefallen an Till Eulenspiegel

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Die Bürgerwehr

Das Jahr 1830 war ein mit Gewittern reich gesegnetes Jahr. Das heißt: es regnete nicht mehr als sonst; aber das war ganz natürlich, denn es waren nur politische Gewitter, und es roch überall abscheulich nach - Revolution. Der tollste Gestank kam damals aus Frankreich, und da hatten sie auch schon ihren König abgesetzt und durch sinen Bürgerkönig mit Regenschirm - zur Abwechslung mal, versteht sich - ersetzt. "Wie leicht kann es da, wo die Welt so voller Stink, Stank und Stunk ist, auch bei uns zu einer Revolution kommen", sagten sich die Schöppenstedter und gründeten eine Bürgerwehr. - Die hatte 47 Mann, und Apotheker Corvinus machte den Hauptmann.
Eines Tages nun wollte der Hauptmann mit seinen Truppen ein richtiges Manöver machen. Für solche Spielereien hatten sogar die Schöppenstedter eine heimliche Schwäche, obwohl sie doch sonst ganz vernünftige Leute waren. Aber sie wollten doch mal sehen, wie eine Sache mit einem Feind ausläuft. Als jedoch der große Aufmarsch kommen sollte, war nur die halbe Bürgerwehr erschienen. Ein Teil hatte sich durch die Weiber krank melden lassen, ein Teil war einfach unentschuldigt weggeblieben, und August Drews konnte auch nicht kommen, weil seine Kuh kalben wollte. Na, schön war das nun nicht, und Hauptmann Corvinus wetterte was von Pflichtgefühl und Vaterland, zog dann aber doch mit dem Rest in den Elm zum Manöver. Zehn Mann blieben gleich zurück und lagerten sich. Die sollten den Feind machen. Mit den anderen zog Corvinus bis zum Watzumer Häuschen. Das wurde für ihn und seinen Stab beschlagnahmt, und der eine Gemeine, der dann noch übrigblieb, wurde als Posten ausgestellt, um das Herannahen des Feindes rechtzeitig zu melden. Ja, und als der nun weg war, machte sich der Stab über den Weinkeller und die Räucherkammer her und war bald in der Stimmung, in der man einen Krieg beginnen kann.
Es wurde Mittag und Nachmittag, und sie waren noch immer nicht voll genug; dann wurde es Abend. Da schickte der Hauptmann eine Ordonnanz zum Wachtposten, und was er vermutet hatte, war eingetroffen: der lag schnarchend im Grase. Aber da noch immer kein Feind zu sehen war, ließ ihn die Ordonnanz weiterschlafen.
Gegen Mitternacht brach der Hauptmann mit seinem Stabe (im wahrsten Sinne des Wortes) auf und arbeitete sich langsam und Schritt für Schritt bis zu der Stelle zurück, wo der Feind sich gelagert hatte. Aber dort war er nicht mehr zu finden. Von Eitzum her hörte man jedoch einen solchen Spektakel, daß man dort mit Recht den Feind vermuten durfte. Und so war es auch. Der Feind hatte schon gegen Mittag im Handstreich den Krug erobert und war noch immer beim Requirieren. Hauptmann Corvinus wollte ein Donnerwetter vom Stapel lassen und wieder von Pflichtgefühl und Vaterland reden; aber seine Zunge machte nicht mehr mit - die hing ihm wie Pappe im Maul. Und so hakten sie sich alle ein und zogen nach Schöppenstedt zurück. Dort kam es dann allerdings doch noch zu einer kriegerischen Auseinandersetzung; denn das Gegröle der Bürgerwehr hatte die Weiber aus den Betten gelockt, und die hatten sich mit Ausklopfern und Schaumkellen bewaffnet und gewannen im Handumdrehen eine Schlacht und verhinderten damit zugleich eine - Revolution.

Auch die Post findet den Till hochinteressant

Ersttagsbrief 1977 


Die Kurzsichtige aus Evessen
Eine runde Meile von Schöppenstedt entfernt liegt das Nest Evessen, und sein Name wäre wohl nie über den Elm gekommen, hätte dort nicht ein Weib gelebt, das sehr kurzsichtig war und eines Sonntags vor dem Kirchgang das Gesangbuch in den - Kochtopf und das Schweinefleisch unter den Arm steckte. Unterwegs fragte man sie: "Na, Muhme, wollt Ihr dem Pastor das Schweinefleisch in die Kirche tragen?"
Das lief wie ein Lauffeuer durch die Gassen und die Leute meinten: "Das sieht man doch, daß die aus Schöppenstedt ist." Und dabei war die Frau gar nicht aus Schöppenstedt, sondern aus Evessen.
Seht ihr, so voreilig sind die Menschen mit dem Spott!

... mit verschiedenen Motiven

Ersttagsbrief 1977 


Auch ein Schöppenstedter Streich

Kommt doch da eines Tages so ein Handelsreisender nach Schöppenstedt und quartiert sich bei Vater Peters im "Zoll" ein. Tagsüber schwänzelt er in der Stadt herum und schwatzt den Kaufleuten seinen Kram auf, und abends, wenn die Stammgäste kommen, sitzt er breitbeinig am Tisch und schnattert Kraut und Rüben durcheinander, als ob ihm der ganze Elm gehöre.
Als nun einmal der Stammtisch im "Zoll" so richtig gerammelt voll ist, fängt doch dieser Kerl an, Schöppenstedter Streiche zu erzählen. Die Schöppenstedter ärgern sich darüber nicht schlecht, daß sie die mit anhören müssen, und der Kerl lacht dazu noch aus vollem Hals und amüsiert sich selbst am meisten darüber. Die Schöppenstedter werden immer stiller, das Bier will gar nicht mehr hinunterlaufen, und der Tabaksqualm legt sich wie eine Gewitterwolke unter die Decke, daß man seine eigene Nase nicht mehr sehen kann. Schließlich wird das den Schöppenstedtern doch zu dick, und sie wollen sich Luft machen. Der Reisende wird immer unverschämter und trietzt die Leute, ihm einen Schöppenstedter Streich zu erzählen. Da mischt sich endlich Vater Peters selbst ein und sagt: "Von der Sorte haben wir keinen. Die meisten Schöppenstedter Streiche werden nämlich woanders gemacht, und es gibt immer noch Dumme genug, die daran glauben." Das war allerdings nicht das, was man erwartet hatte; aber Vater Peters war damals schon so wacklig auf den Beinen und anderswo, daß er jeder Rauferei aus dem Wege ging und mehr für Versöhnung war. Früher hätte er solche Leute durch die Türfüllung geworfen.
So lief der Abend leider wie das Hornberger Schießen aus, und die Schöppenstedter gingen bald nach Hause, weil es ja auch dort mit dem Hausschlüssel immer eine heikle Sache ist. Aber der Kaufmann Heuer nahm sich den Hausknecht zur Seite und flüsterte ihm etwas ins Ohr und versprach ihm einen Fünfer obendrein. Am nächsten Morgen, als Friedrich die Schuhe zum Putzen holen will, liegt doch dieser Kerl noch im Bett und kräht: "He, hören Sie mal, sind Sie aus Schöppenstedt?" Na, und Friedrich nickt und denkt: Du krähst mir gerade recht! "Na, dann erzählen Sie mir mal einen richtigen Schöppenstedter Streich. Es gibt auch einen Taler dafür." - "O", sagt Friedrich, "das kann ich schon machen; den Schöppenstedter Streich sollen Sie haben, wenn ich wiederkomme", und er zieht mit den schönen hohen Stiefeln los.
Als Friedrich nach einer ganzen Weile wiederkommt, liegt der Kerl noch immer im Bett. Aber plötzlich fährt er hoch, gerade in dem Augenblick, als Friedrich still und leise verschwinden will, und ruft: "He, Mann, was soll ich denn mit den Pantoffeln? Wo sind denn meine schönen Juchtenstiefel?" "Das sind sie doch", sagt Friedrich trocken und zeigt auf die Latschen, "ich habe sie nur bis auf die Sohle abgeschnitten; Sie wollten doch einen richtigen Schöppenstedter Streich haben. Und nun her mit dem Taler!" Da war er schon aus der Tür.
Der Reisende hat nicht schlecht über diesen Streich gestaunt. Den Taler hat Friedrich allerdings nicht bekommen; aber der Kaufmann Heuer hat ihm die fünf Mark gegeben, und das Juchtenleder hat Friedrich für zehn Mark auf dem Braunschweiger Markt verhökert. So ist er zurechtgekommen mit seinem Streich.

... und noch ein Motiv

Ersttagsbrief 1977 


Ein andrer Schöppenstedter Streich

Fritze Närrisch fährt einmal mit der Eisenbahn von Schöppenstedt nach Wolfenbüttel, und nachdem er seinen Streifen geschlafen und dann sein Speckbrot verzehrt hat, zieht ihn sein Nachbar in ein Gespräch. Das ist nun einer mit einer Brille auf der Nase, einer Perle im Schlips und einer Bügelfalte in der Hose, und der sieht zusammengenommen aus wie ein lackierter Affe, und das ist er auch. Der Reisende sagte also zu ihm: "Diese Schöppenstedter sind wohl komische Käuze, was ? Ihre Dummheit ist ja weltberühmt." Fritze Närrisch sieht sich den Mann von unten nach oben und von oben nach unten an und denkt: Du flötest mir gerade recht. Aber er sagt nur: "Ja, ja". Nach einer Weile kratzt es ihn doch irgendwie, daß der Reisende so ungeschoren abkommen soll, und weil er aus Schöppenstedt ist, meint er nach einem Pfeifenzug: "Die Schöppenstedter sind nicht dümmer als andere Leute". "Na hören Sie mal", fährt da der Reisende auf, "was man sich von den Schöppenstedtern alles erzählt!" "Ach", meint Fritze Närrisch, "erzählt wird viel." "Sie sind wohl selbst aus Schöppenstedt, was?" fragt der Reisende etwas bissig, und Fritze Närrisch beißt zurück: "Da kann nicht jeder geboren sein, auch wenn er eine Brille auf der Nase hat." Der Fremde will einen Streit vermeiden, zumal die andern Mitreisenden durch Tuscheln und Zwinkern sich zu Fritze Närrisch bekennen. Er lenkt also ein: "Können Sie mir nicht wenigstens einen neuen Schöppenstedter Streich erzählen? Das wäre ein schönes Reiseandenken für mich." Für Reiseandenken hat nun Fritze Närrisch eine Schwäche, und er holt seinen Schalk aus dem Sack: "Von`wo sind Sie denn her?" fragt er ganz harmlos. "Aus Berlin natürlich", sagt der Reisende. "Dann kommen Sie doch auf dem Anhalter Bahnhof an", meint Fritze. "Ach wo", sagt der Reisende, "auf dem Potsdamer doch." Das will Fritze nicht glauben, aber der Reisende bleibt fest und steif dabei. "Na, dann zeigen Sie mir mal Ihre Fahrkarte", sagt Fritze und sieht so nebenbei rasch mal aus dem Fenster, wie weit es noch bis Wolfenbüttel ist. Der Reisende gibt ihm die Fahrkarte hin. "Richtig", sagt Fritze, "es steht ja auch drauf: Potsdamer Bahnhof. Aber", und nun ist der Schalk aus dem Sack, "aber mit dieser Karte kommen Sie bestimmt nicht mehr auf dem Potsdamer Bahnhof an", meint Fritze, und der Zug fährt in Wolfenbüttel ein; und Fritze Närrisch zerreißt die Karte und wirft sie aus dem Fenster. "Was machen Sie denn da?" schreit der Reisende. Und Fritze ruft ihm vom Bahnhof aus zu: "Einen Schöppenstedter Streich!" Und dann ist er im Gedränge verschwunden.

... wir sind noch nicht am Ende

Ersttagsbrief 1977 


Die umständliche Einladung

So ein richtiger Schöppenstedter geht mindestens einmal in der Woche kegeln, denn da kann er den Ärger, der sich selbst in Schöppenstedt nicht ganz vermeiden läßt, herunterspülen und mit dem überflüssigen Wasser ablassen. Zum Kegelabend gehört aber auch ein guter Happen und nicht nur braunes Bier und stänkrige Zigarren.
Da hatten die Kegelbrüder wieder einmal eine Gelegenheit, sich den Bauch nach Herzenslust vollzuschlagen; denn Förster Knacke hatte einen prächtigen Rehbock vor die Donnerbüchse bekommen und auch zufällig noch getroffen. Das sollte nun zünftig begossen werden, und so schickte die Wirtin vom ,Goldenen Ochsen' ihr Mädchen, Ludchen Piepensnider hieß das, zu den Kegelbrüdern, damit sie sich alle zum Rehbraten einfinden sollten. "Aber daß du das ja jedem selber sagst!" schärfte ihr die Wirtin nochmals ein, "die Brüder vergessen das sonst, und ihre Weiber wollen sowieso nichts davon wissen und bestellen das nicht!"
Also schön und gut, Ludchen stiefelt los. Schließlich kommt sie auch zum Amtsrichter. Der ist aber nicht zuhause. Der hat Sitzung. Ludchen geht also zum Amtsgericht, und da stehen sie Schlange, denn da wird gerade ein Spitzbube bis aufs Unterfutter ausgefragt, wo er die drei Hühner von der Witwe Bartels versteckt habe. Der bleibt aber störrig, und der Amtsrichter ist schon ganz durcheinander.
Ganz vorsichitig schiebt sich Ludchen bis an den Richtertisch heran und gibt dem Amtsrichter durch Zeichen und Grimassen zu verstehen, daß sie ihm etwas Wichtiges zu sagen habe. Aber der hat sich so in den Fall verhaspelt, daß er Ludchen gar nicht erkennt und sie anknurrt: "Stören Sie die Verhandlung nicht, oder ich nehme Sie in Ordnungsstrafe!" Ludchen muß aber immer wieder daran denken, was die Wirtin ihr eingeschärft hat, und sie macht weiter ihre Grimassen, bis der Amtsrichter sie anfährt: "Sie kommen gleich dran! Setzen Sie sich auf die Zeugenbank!" Ludchen ist ganz verdattert. So viel Zeit hat sie nicht, und der Rehbraten knuspert bestimmt schon. Sie will schließlich doch gehen, aber da winkt der Amtsrichter sie heran und sagt: "Sie wollten was Wichtiges sagen?" "Jawohl", sagt Ludchen und ist froh, daß sie doch noch drankommt und will sich so richtig ins Zeug legen und ihre Einladung herunterleiern; aber ehe sie überhaupt damit beginnen kann, drückt ihr der Amtsrichter die Luft weg: "Halt, mein Kind!" fährt er dazwischen und hebt die Hände, "erst die Personalien!" und dann stößt er den Schreiber an (der war beinahe eingeschlafen vor Hunger, solche Luft war in dem Saal, daß man fast verdurstete). Was fällt bloß dem Amtsrichter ein, denkt Ludchen, der muß mich doch kennen, und so sagt sie dann mitten in die Pause hinein: "Herr Amtsrichter, Sie wissen doch, wer ich bin! Ich wollte Sie man bloß . . ." Aber weiter kommt Ludchen in der Litanei nicht; denn der Amtsrichter herrscht sie an: "Ihre Personalien, zum Donnerwetter! Sie heißen?" - "Piepensnider, Ludchen Piepensnider", kommt es ganz kläglich heraus. "Sind Sie mit dem Angeklagten verwandt oder verschwägert?" "Gottbewahre, Herr Amtsrichter! Ich wollte Sie man bloß . . ." "Bleiben Sie bei der Sache", ermahnt sie der Amtsrichter; "jede Aussage, die Sie vor Gericht machen, muß der Wahrheit die Ehre geben. Wer eine falsche Aussage macht, kommt unweigerlich ins Gefängnis!" Dann macht er wieder eine kleine Pause, diesmal um die Wirkung seiner Worte abzuwarten, und sagt dann befriedigt: "So, und nun sagen Sie aus!" Da geht Ludchen Piepensnider noch dichter an den Richtertisch heran und flüstert dem Amtsrichter zu: "Herr Amtsrichter, ich wollte Sie ja bloß . . ." "Geflüstert wird hier nicht!" schreit der Amtsrichter sie an, "die Verhandlung ist öffentlich, und was Sie zu sagen haben, das sagen Sie gefälligst so laut, daß alle es hören können!" Da läuft dem braven Ludchen dann doch die Galle über, und sie ruft mit donnernder Stimme in den Saal hinein: "Wenn Sie nicht gleich zum 'Goldenen Ochsen' kommen, dann ist der Rehbraten weggefressen und die Kegelbrüder sind besoffen!" - So, das war heraus, und die Schöppenstedter, die im Gerichtssaal herumlungern, wiehern, und der Spitzbube auch. Nur einer sitzt da wie vom Schlag gerührt, nimmt den Kneifer ab und sieht entgeistert Ludchen an. "Warum hast du denn das nicht gleich gesagt, Ludchen?" stammelt er. Und dann jagt der Gerichtsschreiber die Leute aus dem Saal und merkt erst viel später, ja, zu spät, daß der Hühnerdieb längst über alle Berge ist.

... und noch ein paar Schönlinge

Ersttagsbrief 1977
Ersttagsbrief 1977
Ersttagsbrief 1977
Briefmarkenausstellung 1978 


Und der hieß Baron

Damals, als die Rekorde erfunden wurden, die dann gleich immer gebrochen werden mußten, kamen die Schöppenstedter auf den Gedanken, auch einen Rekord aufzustellen, und zwar im - Schwimmen. Wie sie gerade darauf verfallen konnten, das gehört zu jenen Unergründlichkeiten der menschlichen Seele, die ewig unser Erstaunen herausfordern und darum so beliebt sind. Vielleicht nur deshalb, weil seit Jahrhunderten Wasser Mangelware bei ihnen ist. Da nun selbst in Schöppenstedt die Diplome und Ehrenurkunden nicht im Staub der Straße herumliegen, mußte man etwas zur Förderung des Schwimmens tun, das heißt, man mußte eine Badeanstalt bauen. Und die sollte nun nach ganz modernen, hygienischen Grundsätzen gebaut werden und hätte so eine ganze Menge Geld verschlungen. Deshalb drückten sich auch die Ratsherren so lange herum. Aber der Bürgermeister - und der hieß Baron, war aber gar kein Baron, war aber ein ebenso stinkvornehmer und umsichtiger Mann - wollte es versuchen, und so wurde doch etwas aus dem Plan. Und eines Tages war die Badeanstalt sogar fertig, und Plakate hingen überall, auf denen stand geschrieben: "Bedenk, o Mensch, du bist kein Schwein, drum schrubb dich erst und dann spring rein!" oder "Wer Blech, Papier und Glas und Tüten und alles, was er nicht mehr braucht, hier reinwirft, der wird fünf Minuten ins kalte Wasser eingetaucht!"
Nach dieser scherzhaften Ermahnung konnte das Schwimmen losgehen. Aber zunächst mußte ja die Badeanstalt so richtig eingeweiht werden, so zünftig naß für naß, und der Bürgermeister wollte selbst die Festrede halten.
Es war ein strahlender Sommertag schon morgens um Fünf. Rings um das Bad waren Girlanden und Fahnen gezogen; die Stadtkapelle blies, daß den Trompetern die Augen aus dem Kopf quollen; die Schulen, der Turnverein, der Gesangverein, der Bürgerverein, der Jungfrauenverein, die Freiwillige Feuerwehr und die Schützengilde marschierten mit Trommeln und Pfeifen auf, und es gab einen Radau, daß das Vieh auf der Weide zusammenlief. Am Nachmittag wurde es plötzlich sehr still und feierlich. Der Gesangverein trug aus Webern seinen ,Oberon` das Lied "O wie wogt es sich schön auf der Flut" vor, und dann kam der Bürgermeister an die Reihe. Er trug einen nagelneuen Frack und eine schlohweiße Weste, und sein Zylinder blitzte nur so in der Sonne. Der hatte sich eine Rede zurechtgelegt, da war alles drin. Er sprach von Gesundheit und Hygiene, von mens sana in corpore sano und zitierte sogar den alten Pindar, der einmal gesagt haben soll: ,Das Beste ist Wasser!' Der Bürgermeister hat kaum den alten Pindar aus dem Grab gelockt, und das Volk hat kaum genügend mit den Händen Beifall geklatscht, da geht er auf das schöne Sprungbrett, springt mit Frack, weißer Weste und Zylinder ins Wasser und schwimmt lustig und fidel, wie Friedchen Eickes Karpfen, um das ganze Bassin, und die Schöppenstedter wissen vor Begeisterung nicht, was sie aufstellen sollen; und die Stadtkapelle bläst wieder, daß den Trompetern die Watte aus den Ohren fliegt. - Ja, ja, das waren noch Zeiten, als Baron lebte!
Nur eines hatte der umsichtige Mann vergessen, nämlich: daß es in Schöppenstedt gar keinen Schwimmer gab, der einen Rekord hätte aufstellen können, geschweige denn einen, der einen Rekord hätte brechen können. Aber das haben die Schöppenstedter bis heute nicht gemerkt, und wir wollen es ihnen auch nicht sagen.

Till Eulenspiegel in Braunschweig

Mummehaus  Brunnen  Eulenspiegel
Flohwinkel  Eulenspiegelbrunnen


Die Karpfengeschichte
Von brauner Mumme und Schalksgeist allein kann selbst ein Schöppenstedter nicht leben; es gehört auch ein guter Bissen dazu. Und wenn die Schöppenstedter etwas zu beißen haben, so haben es ihre Freunde auch. Das hat sich bereits als eine der neunhundertneunundneunzig Wahrheiten von Schöppenstedt herumgesprochen. Ja, wenn die Schöppenstedter einmal etwas ganz Besonderes für den Gaumen haben, dann schlucken sie das nicht im Verborgenen weg. "In Gesellschaft schmeckt es am besten", sagen sie, "und wo eine Eule nistet, finden sich die Mäuse von selbst ein."
Friedchen Eicke hatte einmal mächtigen Heißhunger auf Karpfen, und Hugo Bendt, der Fischmeister, besorgte ihr auch gleich drei prächtige, glatte Goldkarpfen. Darauf sagte Friedchen vergnügt zu ihrem Dienstmädel: "Marie", sagte sie, "die Karpfen müssen erst ein paar Tage im fließenden Wasser schwimmen,dann schmecken sie noch delekater." Und dann lud sie den Pastor und den Kantor ein, und die sagten auch gleich zu, weil es bei Friedchen Eicke stets etwas Gutes gab.
Die Vorsuppe hatte wie Öl geschmeckt und das Frikassee vom Huhn war sehr zart gewesen und war nur so hinuntergerutscht. Nun sollte der Karpfen kommen. Zwischendurch hatte man jedoch schon von der Küche her ein verdächtiges Schelten und Keifen wahrgenommen, und gerade in dem Augenblick, als Friedchen Eicke in die Küche gehen wollte, um nach dem Karpfen zu sehen, stürzte Marie mit rotem Kopf herein, und die Kochfrau fuchtelte mit dem großen Fischbeil herum und rief: "Die Marie, das störrische Ding, will die Karpfen nicht aus dem Wasser nehmen!" Und Marie heulte: "Wenn ich hier aufwarten soll, kann ich doch nicht in der Altenau herumschmaddern und die Karpfen greifen!"
"In der Altenau??" Da dämmerte es bei Friedchen Eicke. "Wo hast du die Karpfen gelassen?" fragte sie zornig. "Ich, ich sollte sie doch ins fließende Wasser setzen", stammelte Marie, "da hab ich sie in die Altenau gesetzt." Friedchen war einer Ohnmacht nahe: die schönen Spiegelkarpfen, ach du meine Güte ! "Raus!" rief sie, und Marie wankte in die Küche. Der Kochfrau schrie sie nach: "Richten Sie den Kalbsbraten an!"
Es ging dann auch ohne Spiegelkarpfen, und der Kalbsbraten war so zart, daß der Kantor, der erst ein langes Gesicht gemacht hatte, seiner Frau zuflüsterte: "Minchen, friß nicht so!" Der Pastor hatte sich bei dem Spektakel ganz ruhig verhalten, und erst als nach dem Essen der Käse herumgereicht wurde, fragte er Friedchen: "Woher ist eigentlich Ihre Marie?" "Aus Braunschweig", antwortete Friedchen Eicke, "in Schöppenstedt haben wir nicht solche dummen Gänse!"

Braunschweiger Notgeld ... und Till ist immer dabei

10 Pfennig  10 Pfennig Rückseite
25 Pfennig  25 Pfennig Rückseite
50 Pfennig  50 Pfennig Rückseite
75 Pfennig  75 Pfennig Rückseite


Der Fischkasten
Auch in Schöppenstedt wird man durch Schaden klug, wenn auch etwas später als anderswo, weil man das Leben dort nicht nach Soll und Haben bucht und über einen Verlust mit einem nachsichtigen (und nicht mit einem vorsichtigen) Lächeln hinweggeht.
Eines Tages nun ließ sich Friedchen Eicke doch einen Fischkasten machen, denn die abgeschwommenen Spiegelkarpfen lagen ihr noch immer zu sehr im Magen, was nur bildlich zu verstehen ist, denn die hatte sie ja gar nicht gegessen. "Da sitzen sie sicher fest", sagte sie sich. Gleich hinter ihrem Hause floß ja die Altenau, und dort, gleichsam vor ihren Augen, sollte der Kasten stehen. Das Geld für den Kastenboden sparte sie jedoch, denn sie sagte sich, daß das schwere, mit Eisen beschlagene Eichenholz, von oben noch mit Steinen beschwert, schon feststehen werde, und daß außerdem die Karpfen noch schön im Morast herumschmaddern könnten.
Das ging auch eine Weile ganz gut, bis eines Tages ein Unwetter über den Brocken kam, das die Altenau in einen reißenden Gebirgsfluß mit all dem Geblase und Gezische und Gepoltere verwandelte und alles mit sich riß, was nicht niet- und nagelfest war. Friedchen Eicke ahnte nichts Gutes, zog ihre längsten Stiefel an und ging in das Gewitter hinaus. Sie sah gerade noch den letzten tollen Bocksprung des tanzenden Fischkastens, und dann war er für immer verschwunden.
Da stand nun Friedchen Eicke mit ihrem Talent, wie damals ihre heulende Marie. Aber sie tröstete sich mit den Worten: "Was keinen Grund und Boden hat, das ist nichts!" Sprach's, wollte umkehren, blieb aber mit dem Stiefel im Morast hängen und schlug der Länge nach hin. Und das waren immerhin zwei Meter.

Notgeld von 1921 - 50 Pfennig aus Mölln

50 Pfennig Notgeld aus Mölln


Der Besuch
Bei Gustav Nolten in Schöppenstedt hatte sich Besuch angemeldet. Schwager Otto aus Braunschweig wollte kommen; aber Minchen Nolten wollte von ihrem Bruder gar nichts wissen. Sie fragte überhaupt nicht nach Besuch. Kinder hatte sie nicht, und wie das bei solchen Frauen ist: wenn sie nichts zu tun haben, schaffen sie sich Arbeit und scheuern und schrubben den ganzen Tag, und alles muß wie geleckt sein, und nichts darf angerührt werden. "Der trampelt mir doch bloß die gute Stube voll", sagte sie zu ihrem Gustav, und übrigens hatte sie ihn in Verdacht, daß sein Besuch nur Gustav Nolten galt; denn der hatte immer einen tüchtigen Durst, und sein Schwager Otto auch. Die beiden hatten sich gesucht und gefunden, und sie tranken beide nur Korn. "Das aber sage ich dir, Gustav Nolten", zeterte Minchen, "auf's Sofa in der guten Stube kommt der mir nicht. Der versaut es mir doch bloß, und der kann in der Rumpelkammer schlafen." "Mußt du ja wissen, Minchen, ist ja dein leiblicher Bruder", brummte Gustav, und dabei blieb es.
Schwager Otto kam tatsächlich, und er war noch gar nicht richtig in der Tür, da wußte er schon, daß er in der Rumpelkammer schlafen sollte, und Minchen hatte ihn schon die wacklige Stiege hinaufgeführt. "Präg dir das richtig ein, Otto!" hatte sie noch gesagt, "in der Nacht ist es duster, und daß du mir nicht in den Glasschrank rennst, da steht mein Eingemachtes drin!" - Otto sah sich alles richtig an, und der Glasschrank stand gleich rechts vor der Tür, so daß man einen kleinen Bogen machen mußte. - Und dann ging man in den Krug, um einen zu pfeifen.
Als Minchen so allein in ihrem Bett lag, kamen ihr allerlei Gedanken. Vor allem der Glasschrank mit dem Eingemachten spukte in ihrem Kopf herum, und sie redete sich ein: "Wenn Otto wieder betrunken nach Hause kommt, denkt er doch bestimmt nicht mehr daran, daß er einen Bogen um den Schrank machen muß, und dann läuft er mitten hinein, o Gott!" So stand Minchen schließlich auf, zog die Filzlatschen an, segelte die Treppe hinauf, nahm das Eingemachte aus dem Schrank, rückte ihn links neben die Tür, stellte die Weckgläser wieder hinein und ging dann befriedigt und aller Sorgen ledig zu Bett.
Ein entsetzliches Klingeln und Klirren und ein Schock derber Männerflüche riß sie aus dem Schlaf, und als sie aus der Tür trat und schnell ein Licht anzündete, da sah sie die Bescherung: da lag ihr leiblicher Bruder Otto in einem Scherbenhaufen von Apfelmus, grünen Bohnen, Rübensaft und Gelee und wimmerte und stöhnte und rieb sich den unteren Rücken. Daneben stand, wie ein vom Blitz Gezeichneter, ihr Mann, der Gustav Nolten. "Mein schöner Schrank, mein schöner Schrank!" rief Minchen Nolten weinerlich; jedoch, als dann ihre Gedanken zu der Ursache dieses Unglücks kamen, da knallte sie ihrem Bruder ein paar Ohrfeigen, daß dieser auf der Stelle nüchtern war. "Daß ihr Männer immer saufen müßt!" brüllte Minchen und rannte zum Bader. Dann trugen sie Otto in die gute Stube. Er wurde gewaschen und, nachdem man ihm die Glassplitter aus dem Hintern gezogen hatte, verbunden und dann auf das gute Sofa gelegt, ja, auf das gute Sofa! Gustav Nolten schwor sich und seiner Frau, nie mehr Korn zu trinken. Daß Minchen aber an diesem blutigen Ereignis allein schuldig war, darauf ist sie bis heute nicht gekommen, obwohl sie, oder besser: weil sie aus Schöppenstedt ist. Oder sind alle Frauen so?

Ein Lesezeichen

Lesezeichen


Es hat schon alles seinen richtigen Grund
Kommt doch da eines Abends ein Bengel durch das Stadttor von Schöppenstedt gerannt, reißt beinahe den Wächter um und brüllt: "Hilfe, Hilfe, ein Wolf!" und ganz Schöppenstedt stürzt, mit Dreschflegeln und Mistgabeln bewaffnet, heraus und sucht den Wolf, findet aber keinen, obwohl jeder Misthaufen siebenmal umgekehrt wird. Die armen Schöppenstedter! Sie konnten ja auch keinen Wolf finden, es war nämlich keiner da, und der Bengel hätte eine Tracht Prügel haben müssen. Aber der war auch verschwunden. Seit dem heißen die Schöppenstedter auch die ,Wolfsjäger`. Und das ist für sie ein Beweis dafür, daß schon alles auf der Welt seinen richtigen Grund hat.

Zinnfiguren

Zinnfigur Zinnfigur


Der arme Apfeldieb
Da hatten sie den Spitzbuben in Osterwieck endlich gefaßt, der die Apfelbäume in der ganzen Umgegend bis auf die Wurzeln leergeplündert hatte, und der sollte nun hängen. Aber als es dann soweit war, stellte sich heraus, daß der Galgen zu morsch war. "Wir müssen einen neuen Galgen haben!" sagte der Ratsdiener zum Bürgermeister. "Was!" wetterte der los, "für diesen Lumpenhund, der uns die ganzen Reinetten, Eiseräpfel und Gravensteiner gemaust hat, noch einen neuen Galgen bauen?! - Dann soll er so lange im Loch sitzen, bis noch einer dazukommt, dann lohnt sich die Sache!" Als die Gewitterwolke sich etwas verzogen hatte, sagte der Ratsdiener: "Das geht auf die Dauer nicht. Der Delinquent hat nämlich das Recht, von dem Tage an, an dem ihm die Exekution bekannt gegeben wird bis zum Tage der Hinrichtung Essen und Trinken nach eigener Wahl zu fordern, und der Bursche sitzt schon seit gestern und frißt und säuft das Schönste und Beste, daß ihm fast die Schwarte knackt." Da meinte der Bürgermeister ganz kleinlaut: "Wenn er uns die Haare vom Kopf fressen will, so schickt ihn doch nach Schöppenstedt; die haben einen ganz neuen Galgen, und da kann er hängen bleiben."
So fuhren sie den Apfeldieb nach Schöppenstedt, und das ganze Gericht, Amtmann, Schöffen und Schreiber, mußte mit. Gegen Mittag kamen sie in Schöppenstedt an. Der Amtmann stellte sogleich dem Bürgermeister ihre Not vor, die Ratsherrn wurden zusammengetrommelt, und dann wunde lange hin- und hergeredet; aber die Ratsherrn machten steife Buckel, und Ratsherr Protze meinte: "Nein, unsern funkelnagelneuen Galgen sollt Ihr uns mit dem lächerlichen Apfeldieb nicht veraasen, der ist extra für unsre Schöppenstedter; da kommen nur reputierliche Leute dran, so sind wir!"
Was sollten da die Osterwiecker machen? Indessen saß der Spitzbube im Ratskeller und fraß sich den Bauch voll Zwetschgen; denn es fehlte ihm an Verdauung, und da sollten die Zwetschgen helfen. Und das ganze Osterwiecker Gericht saß dabei und aß Bratwürste und dicken Reis und trank Wein und stieß mit dem Dieb auf Bruderschaft an. Als das der Bürgermeister von Schöppenstedt hinterbracht bekam, sagte er: "Kinder, die Sache geht nicht gut aus! Hört auf meinen Rat, laßt den Halunken laufen, der frißt euch sonst kaputt, eh der neue Galgen fertig ist. Er muß euch aber versprechen, daß er wiederkommen will, sobald der neue Galgen steht." "Das ist auch wahr", sagten darauf die Osterwiecker, "daß wir nicht gleich darauf gekommen sind." Und dann fragten sie den Delinquenten, ob er damit einverstanden sei. "Meinetwegen", antwortete der, "aber wovon soll ich denn leben? Ich müßte ja wieder stehlen, und wenn sie mich dann wieder fassen und mich aufhängen wollen, dann macht ihr mir noch mehr Schande und sagt, ich hätte nicht Wort gehalten; nein, und so was laß ich mir nicht nachsagen. Ich bin ein anständiger Kerl, und darum will ich lieber bei euch bleiben, wo wir uns so gut verstehen." Aber davon wollten die Osterwiecker nichts wissen, obwohl sie mit ihm schon Bruderschaft getrunken hatten. Schließlich kam der Amtmann auf einen großzügigen Gedanken: "Angeklagter", sagte er, "es wird Euch von Rats und Gerichts wegen für acht Tage ein Zehrgeld mitgegeben. Auf den achten Tag von heute müßt Ihr Euch auf der Ratsstube zu Osterwieck wieder einfinden." Damit war der Dieb einverstanden, bekam das Geld und wollte gleich gehen. "Halt!" rief da der Bürgermeister von Schöppenstedt, "um Gottes willen, bloß hier nicht! Wir haben Spitzbuben genug! Nehmt ihn mit über die Grenze, wir wollen ihn nicht haben!"
So geschah es dann auch. Als sie nun an der Grenze waren, bekam der gewissenhafte Schöffe Duttenstitt Bedenken und meinte: "Wenn er aber nicht wieder-kommt? - Ich bitte das Gericht doch, daß es sich den Delinquenten verpflichtet, indem es ihm seine wollene Unterweste zum Pfand abnimmt. Dann muß er, wenn es kalt wird, doch nach Osterwieck kommen, um die Weste abzuholen." Das sah das Gericht auch ein (es hatte ja zu Schöppenstedt noch kurz zuvor getagt). Der Apfeldieb wurde gepfändet und dann in die Freiheit entlassen, die er sich mit großen Sprüngen nahm.
Am Abend, als das Gericht in Osterwieck ankam, schüttelte der Bürgermeister nur den Kopf über die hohen Spesen, die es in Schöppenstedt gekostet hatte. Den Schluß der Geschichte vom armen Apfeldieb erfährt man ganz ausführlich, wenn man auf dem Osterwiecker Rathaus nach der wollenen Unterweste fragt. Es ist aber ratsam, darauf zu verzichten; denn die Osterwiecker sind in diesem Punkt etwas kitzlig.

Ein wunderschönes Puzzle

Puzzle


Der schmucke Bürgermeister
Bei all der Narretei, die die Schöppenstedter nur so aus dem Handgelenk schütteln, haben sie doch schon so viel gelernt, daß Ehre vor den Leuten meist Schaum in den Geldbeutel ist. 'Wenn sie bezahlen sollen, so geht es den Schöppenstedtern wie mir und dir: sie sind krumm, wenn sie sich bücken. Das hätte eigentlich auch der Bürgermeister wissen müssen, als er die versammelten Ratsherrn um Bewilligung einer Kleidergeld-Zulage anging, und er hätte sich so den Anblick der sauersüßen Gesichter seiner Räte ersparen können; aber dann wäre er wohl kein richtiger Schöppenstedter gewesen, und wer weiß, welcher Narr ihm damals gerade das Haar gekrault hat. "Das geht mir dann doch etwas zu weit!" sagte schließlich der Ratmann Kuhlehm, "dafür, daß der Herr Bürgermeister in einem feinen Anzug in der Stadt herumscharwänzelt, dafür, frage ich, soll ich bezahlen? Wer bezahlt mir denn meinen Anzug, hm? Nein, meine Herren, die Zulage wird abgelehnt!" Der Bürgermeister ließ aber den Mut noch nicht sinken, zumal ihm sein Weib einen Floh ins Ohr gesetzt hatte. Er sagte : "Meine Herren, ich habe als Bürgermeister die hohe Aufgabe, die Ehre dieser Stadt zu vertreten, und wenn ich sauber angezogen gehe, so fällt das auf die ganze Stadt zurück, und die Fremden sagen : Was ist das nur für eine saubre Stadt! Wie der Herr, so das Gescherr! Ich kann doch nicht mit einem geflickten Hosenboden herumlaufen, ich muß doch re-prä-sen-tie-ren!" Nun war das Wort heraus: re-prä-sen-tie-ren, und er hatte es so richtig und eindeutig ausgesprochen, wie es ihm der Kantor aufgeschrieben hatte.
Die Ratsherrn merkten wohl, daß das nicht auf seinem Mist gewachsen war, und Kaufmann Beckmann mit den Froschaugen meinte von oben herab: "Kriegen denn die Leute, mit denen du zu tun hast, nun zuerst deinen Hosenboden oder zuerst dein Gesicht zu sehen?" Und als die Ratsherrn sich zuschmunzelten, fuhr Froschauge höhnisch fort, er solle man den Leuten lieber mit einem freundlichen Gesicht entgegenkommen, das mache den besten Eindruck und koste auch nichts, und er solle man die Leute nicht immer so buffbaff und bullerballrig anblaffen. "So ein Hosenboden", fuhr er fort, "ist äußerlich; die Ehre aber sitzt innerlich, wie der Speck beim Schwein." Dann setzte sich Froschauge und kam sich unerhört wichtig vor. Es fehlte nur noch, daß er quakte. Um es aber mit dem Bürgermeister, der ein ordentlicher Kerl war (wenn er sich seine Frau vom Halse hielt), nicht zu verderben, machte Schneidermeister Geelhaar einen Vorschlag zur Güte, und der sah so aus: Der Bürgermeister sollte eine seidene Mütze mit Troddeln und bunten Federn kriegen, so ein richtiges Barett, und dazu ein Paar neue Ärmlinge aus bestem schwarzen Samt, und damit sollte sich nun der Bürgermeister täglich ein paar Stunden so recht breit ins Fenster legen und auf die Straße gucken. Wenn da nun einer vorbeiging und den Bürgermeister so schmuck im Fenster liegen sah, so mußte er doch unwillkürlich denken: Zum Teufel auch! Was für einen guten Anzug hat doch der Bürgermeister an, und ein Barett hat er auf, das war sicher sehr, sehr teuer. Na, solche feine Stadt!
Obwohl der Bürgermeister sich anfangs sträubte, Schneidermeister Geelhaar fertigte das bunte Barett und die samtenen Ärmlinge an, und der Bürgermeister lag tatsächlich nachmittags im Fenster und paffte eine Pfeife nach der andern, weil es damals noch genügend Tabak gab. Und er merkte auch gar nicht, wie er selbst mit seinen Ärmlingen und seinem bunten Barett seinen Bürgern Sand in die Augen streute. Aber die merkten es ja auch nicht und bewunderten immer wieder seinen guten Anzug. Und so ist das nicht nur in Schöppenstedt!

DVD und Cassetten

DVD & Cassetten


Die große Exekutschon
Ganz Schöppenstedt war in heller Aufregung. Wie ein Lauffeuer lief die Kunde durch die Stadt: man hatte ihn endlich gefangen. Wochenlang hatte er die Gärten umgewühlt, der unheimliche Schwarze, ein Schrecken der Bürger, ein Feind der Gärtner und Bauern, und nun hatte man ihn endlich erwischt. Zwei Helmstedter Studenten war es gelungen, und da kamen sie ja auch schon an, und das Volk lief hinterher, und auf dem Karren, von Mistgabeln bewacht, lag er und wagte in seiner Todesangst kaum seinen Kopf zu heben. Ahnte er denn schon, daß ein furchtbares Strafgericht über ihn hereinbrechen würde und daß keine Strafe zu hoch für ihn war?
Auf dem Marktplatz hielt der Zug an, und als die Menge sich ordentlich aufgestellt hatte, sprach der eine von den Studenten: "Bürger und Ratsherrn von Schöppenstedt! Schaut ihn Euch an, der Euch solange in Furcht und Schrecken gehalten hat: Devastator hortorum maximus, zum ersten Male lebendig gefangen! Unbändige Freßgier wohnt in dem dürftigen Leib. Sein Element ist die Finsternis. Es wühlt und zerstört, was Menschenhand in Jahrhunderten auf- und angebaut hat. Es muß vernichtet werden! Darum frage ich Euch, hochachtbarer, großgünstiger und mächtiger consul schöppenstadensis, und Euch, vieledle, gelahrte patres conscripti dieser weitbeschreyten Stadt: Was wollen wir mit diesem Ungetüm machen? Eurer Weisheit allein stehet es an, das Untier nach gerechtem Spruch zu richten und ihm die Todesart zu bestimmen, die seiner Taten allein würdig ist, und das kann nur die härteste und grausamste sein; das meinen wir, Studenten von Helmstedt."
Der Student machte eine kleine Pause, das Volk nickte beifällig, so ergriffen war es von der flammenden Rede. Erst als der Bürgermeister und die Ratsherrn sich über den Karren beugten, um das Untier zu sehen und den gerechten Todesspruch zu fällen, rief Viete Brinkmann, der gerade aus der Schule war: "Hängt doch den Maulwurf auf!" Da klatschte das Volk Beifall und Ratsherr Protze meinte schelmisch: "Das ist gerade der richtige reputierliche Fang für den neuen Galgen, auf den der Bürgermeister immer gewartet hat." Doch ehe sie weiter darüber nachdenken konnten, trat der andere Helmstedter Student vor und sprach mit conscripti schöpstadii! In crimine, auf frischer Tat ist er von uns ergriffen worden; ad oculos, vor aller Augen, liegt seine Schuld an den verwüsteten Gärten und Feldern unserer Mitbürger. Es bedarf keines Beweises mehr, und nur die gerechte Strafe gilt es zu finden. Die Strafe des Stranges dünkt mich ungeschickt und zu milde. Es gilt eine grausamere Todesart zu finden." Ratmann Möller konnte sich nicht mehr halten und rief ganz laut dazwischen: "Versäufen!" "Nein", fuhr der Student fort, "auch solches will mir untauglich erscheinen, denn er vermag durch Schwimmen sich zu salvieren und bringt nur neues, schlimmeres Unheil über uns. Ich meine, hochachtbare, fürsichtige, großgünstige und vielweise consules et patres clarissimi oppidi schöpstadii: Die härteste, grausamste und tödlichste Todesart für einen Maulwurf ist, soweit menschliches Wissen die Grenzen dieses Erdballes umspannen kann, ich sage es schaudernd: Lebendig begraben!" "Das ist recht, das ist recht!" schrien da die Schöppenstedter, "er soll lebendig begraben werden!"
Und so wurde der arme Maulwurf lebendig begraben, draußen am Schindanger, und ganz Schöppenstedt nahm daran teil. Der Ratsherr Möller meinte: "Der hat nun seine gerechte Strafe bekommen", und Wieschen Langebartels hielt ihrer Trine die Augen zu und sagte: "Die Exekutschon ist doch zu greulich, die darfst du noch nicht sehen, Trinchen!" Der Bürgermeister schüttelte den beiden Studenten für ihre mannbare Tat und für die herrlichen Reden die Hände (auch wenn er nicht alles verstanden habe, meinte er ehrlich!) und lud sie zu einem Leichenschmaus ins Rathaus. Und so wurde das Fell des Maulwurfs versoffen, und das dauerte drei Tage und drei Nächte; aber solche Gelegenheit kommt ja nicht alle Woche siebenmal!

Selbst gebraut wird im Namen Eulenspiegels

Uhlensud
Wolters Bier
Hoch Schöppenstedt!
(Melodie: Steh ich in finstrer Mitternacht)
Gar herrlich ist's in Schöppenstedt, man lebt drin auf und froh und nett,
Da gibts nicht Neid, nicht Zank und Streit, ist immer große Einigkeit.
Drum währt die Freundschaft sicher hier, man schließt sie wohl bei Wein und Bier,
Doch hält sie länger als der Schaum, sie gleicht hier stets dem Eichenbaum.
Und ob auch schief der Kirchturm steht, die Kirchuhr manchmal windig geht,
Der Bürgersinn ist grad und schlicht, denn falsche Heuchler gibts hier nicht.
Das Handwerk blüht in unsrer Stadt, ein gut Geschäft der Kaufmann hat,
Drum liebt er nicht den Schluß um acht, denkt: Freiheit nur den Menschen macht!
Bei uns klagt man nicht über Not, ein jeder find't sein täglich Brot;
Der Bauer selbst zufrieden scheint, er auch nicht Not zu leiden meint.
Doch Eins war über in der Stadt, das hier 'nen guten Posten hat,
Weil nirgend Zank und Keilerei, ist über unsre Polizei.
Vereine wachsen, blühn, gedeihn, doch mancher fällt bald aus den Reih'n,
Wenn fest der Grund, wenn treu das Glied, dann unser Bund noch lange blüht,
Hab Sängerbruder lieb die Stadt, die lauter brave Bürger hat.
Drum nimm dein Glas, stoß an recht nett, und ruf: Hoch lebe Schöppenstedt!

So hieß es in einem Festlied zum 50jährigen Bestehen Anno 1896 des Männergesangvereins Schöppenstedt


Eulenspiegel Pils

Eulenspiegel Pils
Eulenspiegel Alt Eulenspiegel Alt


Der beinahe letzte Schöppenstedter Streich
Wenn es in Schöppenstedt einmal brennt, brennt es gleich ordentlich. Und wenn man die Geschichte der Stadt liest und nicht nur immer auf die Streiche und Narrheiten seine Augen wirft, so sieht man bald, daß die Schöppenstedter für Feuer, besonders Großfeuer, eine heimliche Schwäche, ja Vorliebe haben. Aber dafür können sie dann auch wieder bauen und in neue Häuser ziehen, und das ist auch was wert.
Als nun Carl I. nach dem großen Brand von 1743 die Stadt wieder prächtig aufbauen ließ, wollten die Schöppenstedter aus Dankbarkeit ihren alten Stadtnamen ablegen und dafür Carlstadt schreiben. Einige meinten sogar, dann wäre man bei dieser Gelegenheit auch den Namen los, an dem so viel Spott und Hohn klebe. Aber die Einsichtigen waren doch wieder an Überzahl, und die sprachen davon, daß ihnen der Name Schöppenstedt auch Ansehen und Berühmtheit in der ganzen Welt verschafft habe und daß es kurzum ein Ehrenname sei.
Und da haben die Schöppenstedter recht behalten, sonst wäre diese Geschichte der letzte Schöppenstedter Streich geworden. So aber machen sie weiterhin Streiche, gewollt und ungewollt. Das brauchen die Schöppenstedter nötiger als Wasser und Brot, und solange sich auf unseren beschwerlichen Lebenswegen Till Eulenspiegel oder ein Bürger(meister) Schöppenstedts zu uns gesellt, solange wird uns nicht langweilig.
Und ist das nicht das kostbarste Geschenk des Lebens?

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Die Ausgrabung eines jungsteinzeitlichen Dorfes aus der Zeit um Dreitausend vor Christus auf Wagenführs Acker zwischen Eitzum und Schliestedt
Fast jedes Volk besitzt eine, meistens märchenhafte Überlieferung seiner ältesten Geschichte. Geschichtsforschung und -schreibung finden wir bei den alten Kulturvölkern wie Sumerern, Ägyptern, Griechen und Römern ebenso wie bei den modernen Kulturnationen.
Das Bestreben, aus der Geschichte zu lernen, und die Einsicht, daß die Gegenwart mit all ihren Zukunftsaufgaben erst richtig zu verstehen ist, wenn man die Vergangenheit kennt, ist alt.
Die historische Forschung ist an die schriftliche Überlieferung gebunden. Sie fetzt bei den ältesten Hochkulturen kurz nach 3000 v. Christus ein, wogegen Berichte über Deutschland und seine ältesten Bewohner sehr spärlich seit dem 3. Jahrhundert v. Christus bekannt sind.
Eine eigene Geschichtsschreibung beginnt erst im 6. Jahrhundert unter den Franken und bleibt bis weit in das Mittelalter hinein noch sehr unvollkommen und lückenhaft.
Die deutsche Geschichte vor der Zeit der Römer am Rhein verbarg sich im prähistorischen Dunkel. In dieses Dunkel versucht seit ungefähr hundert Jahren die prähistorische Forschung hineinzuleuchten. Sie stützt sich auf Überreste aus schriftloser oder überlieferungsarmer Zeit, den Bodenfunden und Bodendenkmälern. Das sind untergegangene, längst vergessene Siedlungen mit Spuren von Gebäuden, Tierknochen und nicht allzu häufig verkohltem Getreide in Abfallgruben; Befestigungen, deren Umrisse sich heute noch ebenso im Gelände erkennen lassen wie manche Arten von Gräbern; in denen die Toten ruhen, verbrannt oder in Körperbestattung, versehen mit Beigaben von Waffen, Geräten, Tongefäßen, Schmuck und Speisen. Zu den Bodenfunden gehören auch die aus verschiedenen Gründen niedergelegten oder vergrabenen Gegenstände, die sogenannten Depotfunde.
Diese Zeugen aus der Vorzeit sind nur ein ganz geringer Teil von dem, was einmal an Sachgütern einer Kultur vorhanden gewesen, in den Boden gekommen ist und sich dort erhalten hat. Auch hiervon ist schon sehr viel im Laufe der Zeit vernichtet worden und wird noch dauernd, zum Beispiel durch Erdarbeiten, vernichtet. Ein Bruchteil nur kommt in die Museen und damit in die Hand des Fachmannes.
Die Bodenfunde sind stumm. Aber man kann mit ihnen doch Geschichtsforschung treiben, wenn man die Methoden der prähistorischen Wissenschaft anwendet. Dann erfahren wir auch ohne schriftliche Überlieferung, wie die Menschen in den verschiedenen Zeiten gelebt haben, in der älteren und jüngeren Steinzeit von Jagd, Fischfang und dem Aufsammeln dessen, was die Natur bot, oder in der jüngeren Steinzeit von den Erträgnissen einer Bauernwirtschaft. Sehr genau können wir die Entstehung und Entwicklung einzelner Geräte oder von Schmuck über Jahrtausende verfolgen wie z. B. des Beiles, der Sichel oder der Sicherheitsnadel.
Auch eine Geschichte einzelner Völker, eine Besiedlungsgeschichte in groben Umrissen, zeigt sich uns, wenn wir räumlich und zeitlich scharf umrissene prähistorische Kulturen in ihrer Entstehung, Entwicklung und in ihrem Vergehen verfolgen. Sogar in den geistig-religiösen Bereich bieten uns die Bodenfunde- und Anlagen einen Einblick. Denn an Gräbern und Beigaben erkennen wir Bestattungssitten, die ein religiöses Denken verraten. Die Religion selbst aber können wir uns nur unvollkommen erklären, ebenso die Bedeutung von heiligen Gegenständen und Zeichen.
Wirtschafts- Kultur-und Besiedlungsgeschichte sind also vorwiegend die Ergebnisse der prähistorischen Forschung. Die historische Persönlichkeit dagegen, ihre Taten und ihr unmittelbarer Einfluß auf den Gang der Geschichte bleiben im Dunkel der schriftlosen Vorzeit.
Bodenfunde sind demnach in ihrer Bedeutung für die Geschichtsforschung mit schriftlicher Überlieferung zu vergleichen. Ihr Wert war besonders in den vergangenen Jahrzehnten dadurch gemindert, daß man meistens auf Einzel= funde angewiesen war, herausgerissen aus ihrem Zusammenhang in einer Siedlung oder aus einem Grab. Diese Fundstücke aber sind wichtige Hinweise auf Fundstellen und auch auf die Besiedlungsgeschichte eines Gebietes. Ihr Sammeln und Bergen is daher auch heute noch wichtig. Bei der regen Bautätigkeit kommen viele Funde zutage, die unerkannt vernichtet werden oder verloren gehen, oder es werden Fundstellen angeschnitten, nach denen die Forschung seit Jahren sucht. Sie bleiben aber unerkannt, weil niemand die Bedeutung der Funde oder die Fundstelle überhaupt schon erkennt. Deshalb ist das Heranbilden und die Arbeit von "Fundpflegern" als ehrenamtliche Mitarbeiter des zuständigen staatlichen Amtes für Bodendenkmalpflege sehr nötig.
Ihre volle Aussagekraft aber erhalten die Bodenfunde und die Anlagen erst, wenn sie sorgfältig und planmäßig ausgegraben werden. urch eine prähistorische Ausgrabung wird eine Anlage (Siedlung, Befestigung oder Grab) so freigelegt und untersucht, daß ihr Aufbau und ihre Rekonstruktion möglichst klar zu erkennen und damit ihr ehemaliger Verwendungszweck eindeutig zu erklären ist. Die Grabungsmethode beruht auf der Feststellung, daß sich im "gewachsenen Boden", wie Sand und Löß, Störungen durch Eingrabungen noch nach Jahrtausenden gut erkennen lassen. Deshalb wird bei einer Siedlungsgrabung die Humusschicht bis zum anstehenden Löß oder Lehm abgedeckt. Die ehemaligen Gebäude heben sich dann oft in ihren Umrissen als einzelne dunkle Stellen ab. Das sind die Gruben, die man einmal für die Wand- und Dachpfosten ausgehoben hat. Schneidet man sie nun senkrecht auf, zeigt sich die Tiefe der Pfostenlöcher, längst vermoderte Pfosten selbst. Alle Verfärbungen werden maßstabgerecht in Aufsicht und Profil gezeichnet, fotografiert, die Beobachtungen im Grabungstagebuch beschrieben und die Fundstellen bezeichnet. Peinlich genaue Arbeit mit Schaufel und Zeichenstift, gute fotografische Aufnahmen und eine klare Beschreibung der Tatbestände werden bei einer Ausgrabung gefordert, was alles in einem ausführlichen Grabungsbericht niedergeschrieben und festgehalten werden muß.
Der Prähistoriker kann heute nicht mehr ohne die Hilfe von anderen Wissenschaften seine Grabung auswerten: der Zoologe bestimmt die Tierknochen, der Botaniker die Kulturpflanzen und Holzarten, der Chemiker untersucht organische Reste wie Speisen an Gefäßscherben, der Bodenkundler die Zusammensetzung der Scherben selbst und der Physiker versucht aus verkohlten Resten zu einer absoluten Zeitbestimmung zu kommen.
Ausgrabungen haben unser historisches Gesichtsfeld sehr erweitert und verbessert. Das trifft nicht nur für die früheste Menschheitsgeschichte bis zum Urprung der menschlichen Kultur in der Altsteinzeit zu, sondern besonders für die Entstehung der ältesten Hochkulturen und damit für den Beginn der eigentliehen Weltgeschichte in Mesopotamien (Sumer), Ägypten und Indien.
Auch in Deutschland haben Ausgrabungen wie die bei Feddersen-Wierde an der Nordsee, der versunkenen Stadt Haithabu bei Schleswig, der keltischen Stadt Manching in Bayern und des römischen Neuß im Rheinland unser Wissen um die vor- und frühgeschichtliche Zeit in Deutschland sehr erweitert. Unter den Ausgrabungen der letzten Jahre im Braunschweigischen ist die auf dem Acker Wagenführ bei Eitzum, Kr. Wolfenbüttel, nicht nur für unser Gebiet von besonderer Bedeutung, weil wir es hier mit der ältesten Bauernkultur Mitteleuropas um 3000 vor Christus, der sogenannten Bandkeramik, zu tun haben, deren Nordgrenze einst nördlich des Elms verlaufen ist. Durch die Ausgrabung eines Dorfes der "Eitzumer Bandkeramiker" wollen wir das früheste Bauerntum bei uns genauer kennen lernen.
Von diesem Dorf südlich der Straße von Schöppenstedt nach Schöningen ist an der Oberfläche nichts mehr von den Häusern zu sehen, die hier vor 5000 Jahren gestanden haben. Nur Scherben von Tongefäßen und Geräte aus Felsgestein und Feuerstein zeigen dem Kundigen die alte Dorfstelle an. Daß wir so viele ehemalige Siedlungen aus der Jungsteinzeit kennen, verdanken wir vor allem dem 1916 verstorbenen braunschweigischen Arzt Dr. Karl Haake. Er ist immer wieder über die Felder gelaufen und hat bald gewußt, welche Stellen die Menschen für ihre Dörfer bevorzugt haben. Dr. Haake hat auch die jungsteinzeitlichen Siedlungen zwischen Eitzum und Schliestedt entdeckt. Nach ihm haben dann auf der Schliestedt-Eitzumer Flur andere Heimatforscher und -Freunde die Fundstellen abgesammelt. Unter ihnen ist besonders der Propst Dr. Wolters aus Schliestedt zu nennen, dessen Sammlung, jetzt im Braunschweigischen Landesmuseum, Abteilung Vor- und Frühgeschichte in Wolfenbüttel, vorwiegend Steingeräte enthält. In den letzten Jahren hat W. Bode aus Eitzum die Flur seines Dorfes und von Schliestedt betreut. Die genaue Stelle des jungsteinzeitlichen Dorfes ist also durch Oberflächenfunde, die der Pflug herausgerissen hat, bekannt. Aber das genügt noch nicht, um hier nun eine Ausgrabung zu beginnen. Voraussetzung für eine erfolgversprechende Ausgrabung im Löß- und Schwarzerdegebiet ist die Lage der ehemaligen Siedlung auf einem möglichst ebenen Gelände. Denn von einem vorgeschichtlichen Dorf am Hang hat die Abschwemmung im Laufe der Jahrtausende nur die tiefen Abfallgruben übrig gelassen, so daß die Pfostenlöcher, in denen einmal die Wand- und Dachpfosten der Häuser gestanden haben, meistens vollständig verschwunden sind. Spuren der ehemaligen Siedlung im Boden festzustellen und daraus im günstigen Falle den Grundriß eines Dorfes mit allen Gebäuden zu erhalten ist neben dem Gewinnen von "Funden", wie Scherben von Tongefäßen, Steingeräten, Tierknochen und Getreide, das Ziel einer Ausgrabung.
Auf der Fundstelle Acker Wagenführ bei Eitzum waren also rein geländemäßig die Voraussetzungen für die erfolgreiche Ausgrabung eines jungsteinzeitlichen Dorfes aus der Zeit um 3000 v. Chr. vorhanden: Ein fast ebenes weites Gelände, viele Scherben und Steingeräte aus der frühen bandkeramischen Zeit (um 3000 v. Chr.) und an der Forschung interessierte Besitzer der prähistorischen Dorfstelle, vor allem Erich Wagenführ sen. u. jr. in Eitzum.
Einer großen Grabung müssen Probegrabungen vorausgehen. Denn Ausgrabungen kosten sehr viel Geld. Durch diese Voruntersuchungen schließt man den Boden auf und stellt fest, ob sich die Erwartungen wahrscheinlich erfüllen. Die erste Probegrabung bei Eitzum 1956 ergab aus einem 17,30 m langen und i m breiten Graben mit geringer anschließender Flächenabdeckung von ungefähr 10 qm überraschend viele Scherben einer eigenartigen bandkeramischen Tonware, die im Braunschweigischen bisher von Esbeck und Schöningen bekannt geworden war. Sie wird nach einer neuen Bearbeitung für die älteste Phase der mitteleuropäischen Bandkeramik gehalten. Die zweite Grabung von 1957 brachte eine große Grube mit einer jüngeren (Stichreihen) Bandkeramik und einer zweiten nicht bandkeramischen Kultur, der sogenannten Rössener, in der neben Scherben und Tierknochen, darunter einem Hundeschädel, verkohlte Getreidekörner lagen. Diese Getreidekörner aus der zweiten Hälfte des 3. Jahrtausends hat Frau Dr. Maria Hopf am Röm.-Germ.-Zentralmuseum Mainz als Weizen (Emmer) und Gerste bestimmt.
1958 unterstützte die Deutsche Forschungsgemeinschaft die Eitzumer Grabung durch eine Sachbeihilfe. Jetzt war durch Flächenabdeckung zu untersuchen, ob sich die Spuren von Gebäuden durch Pfostenlöcher einwandfrei feststellen ließen, was auch an zwei Stellen gelang. Auf der bisher durch Gräben oder kleinere Abdeckungen aufgeschlossenen Fläche von ungefähr 12o x 3o m Ausdehnung fand sich vorwiegend eine Besiedlung der frühen "Eitzumer Bandkeramik" mit vielen Scherben,Tierknochen, einigen verkohlten Getreidekörnern, Geräten aus Feuerstein und wenigen aus Sedgestein, dann Pfostenlöcher und Abfallgruben oder -Stellen, außerdem eine geringe Besiedlung der Stichreihen (Band=)Keramik und der Rössener Kultur, dazu drei Körpergräber der frühen (Aunjetitzer) Bronzezeit und Brandgräber der älteren Eisenzeit.
Das frühbandkeramische Dorf auf dem Acker Wagenführ zwischen Schliestedt und Eitzum gehört zu den ältesten bäuerlichen Ansiedlungen in Mitteleuropa. Hier müßte man deshalb auch die ältesten Gebäudeformen, die ältesten Haustiere und die ältesten Getreidearten in Mitteleuropa finden. Die bei der Ausgrabung 1958 geborgenen Tierknochen und Getreidekörner sind inzwischen von H.H. Müller und Dr. M. Hopf untersucht worden. Die wenigen Tierknochen, die noch keine Übersicht über die wirklich vorhandenen Haustiere erlauben, stammen vorwiegend von Rindern und von einem Schaf oder einer Ziege. Das Getreide war Gerste und Weizen. Diese Ergebnisse sind besonders bedeutungsvoll. Handelt es sich doch um Anfänge des Ackerbaues und der Viehzucht in Mitteleuropa, als noch jenseits der Lößgrenze und des Schwarzerdebodens, die ungefähr mit der heutigen Bundesstraße 1 (von Braunschweig nach Helmstedt) zusammenfällt, Jäger und Fischer der mittelsteinzeitlichen Urkultur hausten.
Wichtig wäre es nun, die Zeit dieser frühen Eitzumer Bauern festzustellen, die wir nach unserer bisherigen relativen Zeitbestimmung auf die Zeit um 3000 v. Christus geschätzt haben. Mit Hilfe der sogenannten Radio-Karbon-Methode kann man eine absolute, wenn auch nur annähernde Altersbestimmung erhalten. Die Untersuchung von Holzkohle aus der Stelle 5 von Eitzum ergab ein Alter von 4530 mit einer Fehlerdifferenz von 210 Jahren. Auch die erste C 14 - Untersuchung hat das hohe Alter der Eitzumer Funde bestätigt.

(c) Jürgen Packer
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